Vom Gedenken zum Verstehen

Die Kriegsgräberstätte Hofkirchen wird zum Lernort

Die Kriegsgräberstätte Hofkirchen ist ein Ort der Stille, aber auch ein Ort, an dem in den letzten Jahren Fragen aufgeworfen wurden. Hat sich die Rolle der Gedenkstätte für Kriegstote gewandelt? Wie hat sich unser Blick auf die hier Bestatteten verändert? Und vor allem: Wie gehen wir heute mit der Tatsache um, dass hier Opfer neben Tätern begraben liegen? Die Projektpartner wagen nun den historisch wichtigen Schritt: weg vom reinen Gedenken hin zu einer aktiven Auseinandersetzung mit der Geschichte.

 

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Landrat Raimund Kneidinger, der das Vorhaben maßgeblich unterstützte, sieht darin eine Notwendigkeit unserer Zeit: Es gilt, die Erinnerungskultur neu zu beleben und einen differenzierten Blick auf die Vergangenheit zu werfen. Gerade weil in Hofkirchen neben Soldaten der Wehrmacht und zivilen Opfern auch 369 Angehörige der SS bestattet sind, reicht eine pauschale Ehrung nicht mehr aus. Es bedarf der Unterscheidung und der individuellen Einordnung.

 

Zwei Säulen der Information

 

Um diesen komplexen Zugang zu erleichtern, setzt das neue Konzept auf zwei gleichwertige Elemente. Eine großformatige Informationstafel aus Glas empfängt die Besucher und ordnet den Ort historisch ein. Ergänzend dazu wird der offene Raum des Funktionsgebäudes im Eingangsbereich genutzt, um die Ergebnisse einer intensiven schulischen Auseinandersetzung zu präsentieren. Ein wesentlicher Aspekt dabei ist die Zugänglichkeit: Die begleitenden Broschüren sind hier direkt platziert und können von den Friedhofsbesuchern kostenlos mitgenommen werden.

Das Schülerprojekt des Wilhelm-Diess-Gymnasiums Pocking mündete in dieser Publikation mit dem Titel „gedenken – erkennen – verstehen. Biografien erzählen Geschichte“. Herausgegeben vom Landkreis Passau, dem Volksbund (Landesverband Bayern) und dem Sozialverband VdK (Kreisverband Vilshofen), bietet sie weit mehr als eine bloße Auflistung von Namen.

 

Schülerforschung statt Geschichtsbuch

 

Unter der Leitung des Geschichtslehrers Andreas Königer haben sich Schülerinnen und Schüler der 9. und 11. Jahrgangsstufe auf eine intensive Spurensuche begeben. Ihr Ziel war es, die Geschichte der Kriegsgräberstätte sowie die Schicksale der dort bestatteten Menschen zu erforschen und zu dokumentieren.

Das Ergebnis ist eine detaillierte Aufarbeitung von 22 Biografien: 21 Männer und eine Frau. Die Lebensläufe bilden einen großen Teil des widersinnigen Spektrums eines Krieges ab. Sie umfassen Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkriegs, Zivilisten, aber eben auch Angehörige der Waffen-SS. Die Schüler haben sich tief in die Lebensgeschichten eingearbeitet, um ein differenziertes Bild der Vergangenheit zu zeichnen.

 

Das Spannungsfeld zwischen Opfer und Täter

 

Die Stärke der Broschüre liegt in ihrer Ehrlichkeit. Sie thematisiert offen die komplexe Beziehung zwischen persönlicher Schuld, institutioneller Verantwortung und den individuellen Schicksalen. Sie beleuchtet die Rolle der beteiligten Institutionen ebenso wie die Methodik der Biografieforschung, die oft nur durch die Unterstützung von Angehörigen und Nachfahren möglich war. Ein Epilog rundet die Arbeit ab und unterstreicht die Bedeutung solcher Gedenkstätten als Lernorte für den Frieden.

Auch die Akteure im Hintergrund sollen nicht unerwähnt bleiben: Während Dr. Winfried Helm für Konzept und Text der Informationstafel verantwortlich zeichnet, lagen die Gestaltung und Planung beider Projekte – sowohl der Infotafel als auch der Broschüre – in den Händen von Markus Muckenschnabl. Für die Fotografie und das Layout sorgte Sebastian Ambrosius. Gemeinsam haben sie ein Dokument geschaffen, das zeigt: Geschichte ist nicht nur das, was war, sondern das, was wir daraus machen.

Die Kriegsgräberstätte Hofkirchen befindet sich am westlichen Ortsrand des Marktes Hofkirchen hinter Vislhofen. Hier sind 2783 Kriegstote bestattet.

 

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Fotos von