Das Zuhause sollte ein Ort der Sicherheit sein. Ein Platz zum Durchatmen, ein Raum der Geborgenheit. Für viele Frauen ist jedoch das Gegenteil der Fall. Gewalt in Partnerschaften geschieht jeden Tag. Sie passiert oft leise, bleibt lange unsichtbar und findet viel zu häufig im Verborgenen statt.
Für Frauen und Kinder in der Region, die in ihrem eigenen Zuhause Gewalt erleben, ist das Frauenhaus Passau ein sicherer Ankerpunkt. Hier finden Betroffene Schutz, Stabilität und professionelle Begleitung.
Wie der Weg ins Frauenhaus aussieht, erklärt Leiterin Janine Kagerer: „Wir haben einen anonymen Standort, daher kann man nicht einfach zu uns kommen. Der erste Schritt ist immer ein telefonisches Gespräch. Wir klären, ob ein Platz frei ist, besprechen die aktuelle Situation und welche Unterstützung notwendig ist. Wenn alles passt, vereinbaren wir einen Treffpunkt und holen die Frau oder die Familie ab.“
Im Haus folgt zunächst ein Aufnahmegespräch. „Wir zeigen alles, versorgen die Frauen mit Lebensmitteln oder Kleidung, wenn nötig. Danach sprechen wir intensiver darüber, was passiert ist und welche Schritte als nächstes sinnvoll sind.“
Wöchentliche Beratungsgespräche begleiten anschließend den gesamten Hilfeprozess, mit einem klaren Ziel: „betroffene Frauen sollen wieder ein eigenständiges Leben ohne Gewalt führen können“, sagt Kagerer.
Auch nach dem Auszug endet die Unterstützung nicht automatisch. Viele Frauen werden weiterhin begleitet, wenn sie den Schritt in ein eigenes Zuhause geschafft haben.
Das Frauenhaus steht jeder Frau offen – ob allein oder mit Kindern – die von akuter oder drohender Gewalt betroffen ist. Herkunft, Religion oder Staatsangehörigkeit spielen dabei keine Rolle.
Gewalt kann viele Gesichter haben und macht vor keiner Lebensrealität halt. Ob körperlich, psychisch, sexuell, sozial oder finanziell – jede einzelne Form ist schwerwiegend genug, um Hilfe in Anspruch zu nehmen. Kagerer betont: „Der richtige Zeit-punkt, uns zu kontaktieren, ist immer dann, wenn man häusliche Gewalt erlebt oder befürchtet, ganz egal in welcher Form. Man muss keine Beweise haben. Wenn man sich zu Hause nicht mehr sicher fühlt oder merkt, dass Kontrolle, Eifersucht und Verbote zunehmen, sollte man sich frühzeitig melden.“
Die Zahlen des Bundeskriminalamts (BKA) zeigen ein alarmierendes Bild: Alle zwei Minuten erlebt in Deutschland ein Mensch Gewalt durch Partner, Ex-Partner oder nahe Angehörige. Rund 250.000 Menschen wurden im vergangenen Jahr Opfer häuslicher Gewalt, 73 Prozent davon Frauen. Und auch die Nachfrage im Frauenhaus Passau ist hoch: 2024 fanden 36 Frauen und 54 Kinder Schutz.
Derzeit gibt es, laut Kagerer, täglich Anfragen, und besonders in der dunklen Jahreszeit nimmt die Zahl der Hilfesuchenden deutlich zu.
Nach einem Ausbau stehen seit diesem Jahr fünf Plätze mehr zur Verfügung. „Damit kommen wir gut zurecht“, sagt Kagerer. „Das größere Problem ist weniger der Platz, sondern das fehlende Fachpersonal.“
Das Frauenhaus wird überwiegend öffentlich finanziert: „Wir erhalten 90 Prozent staatliche Förderung, zehn Prozent müssen wir selbst tragen. Auch wenn wir Förderungen von Stadt und Landkreis Passau sowie Freyung-Grafenau erhalten, sind wir klar auf Spenden angewiesen“, erklärt Kagerer. Auch das Ehrenamt spielt eine entscheidende Rolle, etwa um die 24/7-Erreichbarkeit sicherzustellen. Mit dem neuen Gewalthilfegesetz steht zudem ein positiver Umbruch bevor: „Künftig sollen 100 Prozent der Finanzierung durch die Länder erfolgen – aber viele Details sind noch ungeklärt“, so Kagerer.
Rund um den Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November macht der Aktionskreis „Frei Leben ohne Gewalt“ mit zahlreichen Aktionen auf die Problematik aufmerksam. Ein zentraler Bestandteil dieses Netzwerks ist auch das Frauenhaus Passau, das täglich dafür arbeitet, Frauen und Kindern Wege aus der Gewalt zu eröffnen.
Abschließend richtet Kagerer eine klare Botschaft an betroffene Frauen:
„Sie tragen keine Schuld. Aus der Erfahrung kann ich sagen: Viele Betroffene empfinden Scham und glauben, sie hätten etwas falsch gemacht oder eine Situation provoziert. Doch Gewalt entsteht immer durch den Täter – niemals durch die Betroffenen.“
Text und Fragen stellte Viola Wiesbauer