Dr. Thomas Wisspeintner, Geschäftsführer von Micro-Epsilon
Der Wirtschaftsstandort Deutschland steht unter Druck und auch in Niederbayern sind die Herausforderungen spürbar. Im Interview spricht Thomas Wisspeintner, Geschäftsführer der Micro-Epsilon, über notwendige Visionen, psychologische Blockaden, die Stärken seines Unternehmens und warum Investitionen in Ortenburg ein bewusstes Zukunftszeichen sind.
INNSIDE: Herr Wisspeintner, Sie schreiben in Ihrem Weihnachtsgruß, dass es eine klare Vision und klare Ziele braucht, um den Wirtschaftsstandort Deutschland und Europa nachhaltig zu stärken. Wie könnte eine solche Vision aussehen?
Wisspeintner: Diese Vision hat für mich zwei Seiten: eine inhaltlich-strukturelle und eine psychologische. Inhaltlich dürfen wir bei aller berechtigten Kritik nicht vergessen, dass wir nach wie vor große Stärken haben. Wir verfügen über eine sehr gute Ausbildung im Technologiebereich, über qualifizierte Fachkräfte, eine funktionierende Infrastruktur und über leistungsfähige Organisationsstrukturen. Im internationalen Vergleich arbeiten wir nach wie vor effizient und sind in der Lage, Innovationen nicht nur zu entwickeln, sondern auch zu produzieren.
Gleichzeitig gibt es strukturelle Herausforderungen, insbesondere durch zunehmende Regulierung – ob national, europäisch oder von Seiten der Kunden. Diese ist oft gut gemeint, führt aber im internationalen Wettbewerb zu echten Nachteilen, wenn andere Märkte solche Anforderungen nicht haben.
Die psychologische Komponente ist mindestens genauso wichtig. Wir brauchen einen klaren Impuls, wieder nach vorne zu gehen. Dazu gehört auch, Leistungsbereitschaft wieder positiv zu besetzen. Leistung darf Freude machen, Sinn stiften und persönlich weiterbringen, ähnlich wie im Spitzensport. Diese Haltung haben wir in Deutschland und Europa schon einmal bewiesen. Jetzt müssen wir uns wieder darauf zurückbesinnen.
Was mich zuversichtlich stimmt, ist das Ehrenamt: Es zeigt, dass die Bereitschaft da ist. Die Herausforderung liegt weniger bei den Menschen als im System. Die Frage ist: Wie kanalisieren wir diese Energie sinnvoll, setzen die richtigen Anreize und geben klare Ziele vor? Wenn uns das gelingt, bin ich überzeugt, dass wir viel bewegen können.
Micro-Epsilon ist ein international tätiges Hightech-Unternehmen. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation Ihres Unternehmens ein? Wo sehen Sie Stärken oder auch Herausforderungen?
Wir sind von einem Zwei-Personen-Unternehmen zu einer weltweit tätigen Firmengruppe mit rund 1.700 Mitarbeitenden gewachsen. Dabei haben wir uns bewusst unsere mittelständische, familiengeführte Struktur und Unternehmenskultur bewahrt. Das ist eine große Stärke, weil wir schneller reagieren können als viele Großkonzerne und sehr flexibel sind.
Unser breites und gleichzeitig tiefes Produktportfolio macht uns widerstandsfähiger. Wenn eine Branche schwächelt, können wir das in anderen Bereichen teilweise ausgleichen. Hinzu kommt unsere internationale Präsenz: Wir sind in den wichtigsten Industrieländern vertreten und können regionale Krisen zumindest abfedern, auch wenn das sehr anspruchsvoll ist.
Wo liegen aktuell die größten Herausforderungen?
Unsere Entwicklungsquote liegt bei rund 15 Prozent des Umsatzes, das ist im Vergleich sehr hoch. Forschung und Entwicklung sind teuer, vor allem im Wettbewerb mit aufstrebenden Ländern, in denen diese Leistungen deutlich günstiger erbracht werden können. Gleichzeitig wächst der Markt für Sensorik stark, was den Wettbewerb zusätzlich verschärft.
Die zentrale Herausforderung ist, immer einen Schritt voraus zu sein: gute Ideen zu haben, Risiken richtig einzuschätzen, Fehler möglichst zu vermeiden und nicht aufzugeben. Das gelingt nur mit einem starken Team – und das haben wir.
Im vergangenen Jahr haben Sie ein weiteres Produktionsgebäude in Ortenburg eröffnet. Was fertigen sie dort an und welches Signal geht davon aus?
Das ist ein klares Bekenntnis zum Standort Ortenburg. Wir haben ein modernes Produktionsgebäude mit sehr stabilen Umgebungsbedingungen geschaffen, denn eine stabile Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind für die Qualität unserer Sensorikprodukte entscheidend.
Durch den Anbau an das bestehende Gebäude können wir unsere Produktion zusammenführen, logistische Vorteile nutzen und gleichzeitig Platz für zusätzliche Entwicklungsflächen schaffen, indem wir die Produktion aus dem bestehenden Gebäude in das neue Gebäude verlagern. Ziel ist es, eine hohe Produktvielfalt in sehr hoher Qualität und Geschwindigkeit produzieren zu können, das ist eine zentrale Fähigkeit, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben und den Standort so Zukunftssicher zu machen.
Wie sehen sie sich und ihre Firma im lokalen Umfeld in Ortenburg und Niederbayern? Was sind hier die Stärken und Schwächen?
Viele Besucher und Geschäftsleute, die vom Münchner Flughafen auf direktem Weg zu uns kommen, wundern sich, dass ein Hightech-Unternehmen wie unseres auf dem Land entstanden ist. Tatsächlich wäre diese Firma in einer Großstadt zur damaligen Zeit wahrscheinlich nicht entstanden. Der Wettbewerb um Fachkräfte wäre zu groß gewesen.
Der große Vorteil des ländlichen Raums ist die Langfristigkeit. Wer sich bewusst dafür entscheidet, hier zu leben, tut das oft mit Blick auf Familie und Stabilität. Das schafft Bindung und Zeit, und genau das braucht man, um Expertenwissen über Jahre aufzubauen. Davon profitiert nicht nur das Unternehmen, sondern auch die Region insgesamt.
Viele Kommunen stehen finanziell unter Druck. Anstehende Kürzungen setzen oft an den sogenannten Soft Skills an, was ja nicht gerade standortfördernd ist. Wie bewerten Sie diese Entwicklung, und sehen Sie einen Ausweg?
Gerade diese Bereiche sind entscheidend für Lebensqualität und damit für die Attraktivität eines Standorts. Es gibt keinen Automatismus für positive Entwicklung. Kommunen stehen im Wettbewerb um Menschen, Fachkräfte und Zukunftsperspektiven.
Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Politik, Wirtschaft und Bürger müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen. Man kann nicht nur nach dem Staat rufen. Gerade im ländlichen Raum ist Engagement leichter, weil man direkt sieht, wofür man sich einsetzt. Letztlich entscheiden die Menschen, wo eine hohe Lebensqualität besteht, wo es schön ist, wo es ausreichend Angebote für Jung und Alt gibt und wo eine funktionierende Infrastruktur vorhanden ist.
Wie blicken Sie auf die Zukunft unserer Region Niederbayern, die mit einigen Kapriolen gestartet ist?
Niederbayern hat eine starke Geschichte. Die Menschen hier sind es gewohnt, sich Wohlstand zu erarbeiten und nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Diese Resilienz und Leistungsbereitschaft sind große Stärken.
Die Welt hat sich in sehr kurzer Zeit stark verändert. Je schneller wir das ehrlich anerkennen und die Ärmel hochkrempeln, desto besser. Das ist kein Drama, sondern eine Aufgabe –
für uns alle. Allein diese Erkenntnis kann schon neue Impulse geben.
Zum Schluss stellen wir Ihnen natürlich noch die INNSIDE-Frage: Gibt es einen Fluss, mit dem Sie sich besonders identifizieren können?
Ja, nach wie vor der Inn. Er verbindet für mich die Berge, die Natur und die Zeit mit der Familie –Orte, an denen man Kraft schöpft und zur Ruhe kommt. Gleichzeitig steht der Inn auch für Bewegung und Veränderung, und damit für Innovation. Das passt gut zu meinem persönlichen Weg und zu dem, was uns als Unternehmen antreibt.
Fragen und Text: Gerd Jakobi und Viola Wiesbauer
Mehr Infos: www.micro-epsilon.de