Dr. Carsten Gerhard (Fotos: Sebastian Ambrosius)
INNSIDE: Die Europäischen Wochen 2026 verbinden erneut große internationale Namen mit eigenen Formaten. Was ist aus Ihrer Sicht die künstlerische Klammer dieses Jahrgangs?
Carsten Gerhard: Die Klammer ist bei uns immer das vereinte Europa. Das ist kein jährlich wechselndes Motto, sondern der Kern des Festivals. Innerhalb dieser Klammer strukturieren wir das Programm in Höhepunkte, Brennpunkte und seit diesem Jahr auch Treffpunkte. Die Höhepunkte sind die großen internationalen Orchester und Solisten, die Brennpunkte setzen sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinander, und die Treffpunkte schaffen Räume für Begegnung. Im Programm 2026 begegnet man entsprechend einer großen Bandbreite: internationalen Topstars, spannenden Entdeckungen aus Klassik, Weltmusik und Jazz und zugleich vielen Formaten, die bewusst diskursive Anregungen geben.
Mega Weltstars zu Gast
Mit Dirigenten wie Kent Nagano und Sir Simon Rattle stehen absolute Weltstars im Programm. Welche Rolle spielen solche Konzerte für das Profil der Festspiele?
Die Europäischen Wochen sind seit 1952 eines der großen internationalen Klassikfestivals in Bayern. Unser Anspruch ist es, Weltklasse-Künstler in die Region zu bringen. Dass es uns in diesem Jahr gelungen ist, mit Kent Nagano und Sir Simon Rattle zwei der führenden Dirigenten unserer Zeit zu gewinnen, ist eine große Freude. Kent Nagano präsentiert mit Dvořáks „Sinfonie aus der Neuen Welt“ und Beethovens c-Moll-Klavierkonzert zwei zentrale Werke des symphonischen Repertoires. Das Konzert mit Sir Simon ist ein wichtiges Scharnier in Richtung unseres Jubiläumsjahres 2027 (75 Jahre EW): Das Chorlied „An die Freude“ ist ja die europäische Hymne.
Neben diesen Höhepunkten gibt es Formate, die Sie in den letzten Jahren etabliert haben – etwa der Passauer Sommernachtszauber oder die historischen Rekonstruktionen. Was ist das Besondere an diesen Reihen für Sie?
Diese Formate sollen unser Profil mitprägen. Der Passauer Sommernachtszauber bringt Symphonik und Lichtspiele zusammen. Der Videokünstler Laurenz Theinert zaubert in der Studienkirche einen Farbenrausch zur Musik. Das ist eine überwältigende Sinnesfreude. Wir haben dafür eigens eine Konzertsuite zusammengestellt, mit süffiger, romantischer Musik und minimalistischen Klangwelten. Unsere Reihe der historischen Rekonstruktionen wird in diesem Jahr von Il Giardino Armonico gestaltet. Sie spielen ein „Ospedale-Konzert“, wie es Antonio Vivaldi im Venedig des 18. Jahrhunderts geleitet haben könnte. Diese Konzerte waren europaweit berühmt. Es geht darum, dieses historische Konzertereignis erfahrbar zu machen.
Die European Orchestra Academy ist 2026 im Rahmen von „Klassik unterwegs“ zu erleben. Welche Rolle spielt dieses Projekt im Programm der Europäischen Wochen?
Die European Orchestra Academy ist ein Klangkörper, den Iván Fischer gegründet hat. Sie ist Teil des Budapest Festival Orchesters und bringt junge Musikerinnen und Musiker aus verschiedenen europäischen Ländern zusammen. Drei Ensembles der Academy kommen Ende April für fünf Tage für eine Residency nach Passau und spielen im Rahmen von „Klassik unterwegs“ kostenfreie Konzerte in Schulen, Krankenhäusern, Seniorenheimen und anderen sozialen Einrichtungen.
Auch die Nachwuchsarbeit nimmt viel Raum ein – vom Jugendsinfonieorchester bis zu Formaten wie Double Drums oder der Magical Mystery Tour. Welche Idee steckt hinter dieser starken Gewichtung junger Projekte?
Wir verstehen uns nicht nur als Festival, sondern auch als Ort der musikalischen und kreativen Entwicklung. Das Jugendsinfonieorchester bietet jungen Menschen die Möglichkeit, mit hochkarätigen Musikern zusammenzuarbeiten, die auf den großen Konzertpodien dieser Welt zuhause sind – in diesem Jahr der Tschaikowsky-Preisträger Andrei Ionita.
Das Duo „Double Drums“ studiert mit Schülern Percussionnummern ein und bei der „Magical Mystery Tour“ fördern wir junge Autorinnen und Autoren – die Harry-Potter-Synchronsprecherin Gabriele Pietermann liest die magischen Geschichten vor, die dabei entstehen. Pietermann ist die deutsche Stimme von Hermine Granger.
Mit den „Treffpunkten“ führen Sie 2026 eine neue Programmschiene ein. Was verbirgt sich dahinter und welches Publikum möchten Sie damit erreichen?
Die neue Reihe „EW-Treffpunkte“ lädt sechs Mal im Jahr zu ein paar geselligen Stunden im EW-Saal ein – bei Musik, Kunst und Kultur, Kaffee und Kuchen und in angenehmer Gesellschaft. Junge Musikerinnen und Musiker gestalten den musikalischen Rahmen und geben Einblicke in ihre Arbeit. Ein kleiner Flohmarkt bietet Souvenirs und Geschenke aus dem EW-Fundus. Ergänzt wird der gesellige Nachmittag durch kurze Einführungen oder Gespräche rund um das Festival.
Ein besonderer Brennpunkt ist der Literaturabend „Belarus: Hoffen auf Europa“. Warum ist Ihnen dieses Thema wichtig?
Der Belarus-Abend ist ein bewusst gesetzter Brennpunkt. Hier geht es um Kunst unter politischen Bedingungen und um Stimmen, die in Europa oft nicht selbstverständlich gehört werden. Autorinnen und Autoren im Exil lesen in ihrer Originalsprache, begleitet von Übersetzungen und Musik. Der Abend möchte dort hinhören, wo Freiheit und kultureller Ausdruck unter Druck stehen.
Mit Roman Trekel ist einer der profiliertesten deutschen Liedsänger zu Gast. Was reizt Sie an diesem Abend zwischen Schubert, Loewe und den „Galgenliedern“ besonders?
Der Reiz dieses Abends liegt in der Kombination sehr unterschiedlicher Liedtraditionen. Mit Schubert und Loewe stehen zentrale Werke des romantischen Liedrepertoires im Programm. Dem gegenüber stehen die „Galgenlieder“ von Christian Morgenstern in einer zeitgenössischen Vertonung. Diese Texte sind skurril, sprachspielerisch und zugleich sehr präzise gebaut. Der Passauer Kirchenmusikerdirektor Ralf Albert Franz hat sie in Musik gesetzt.
Die Europäischen Wochen beginnen und enden mit zwei publikumsnahen Konzerten – Ron Williams zu Ehren von Harry Belafonte und Sara Willis mit „Mozart y Mambo“. Welche Idee steckt hinter dieser Rahmung?
Mir war wichtig, dass wir die Festspiele mit einer großen, offenen Geste beginnen – und ebenso zugänglich wieder ausklingen lassen. Der Auftakt mit Ron Williams erinnert an Harry Belafonte, der nicht nur ein großer Künstler, sondern auch ein engagierter Menschenrechtsbotschafter war. Das passt sehr gut zum Selbstverständnis der Europäischen Wochen. Am Ende steht mit Sara Willis und „Mozart y Mambo“ ein Format, das in der Klassikwelt Furore gemacht hat. Die Solohornistin der Berliner Philharmoniker verbindet darin Mozart mit kubanischen Rhythmen, ein beschwingter, karibischer Ausklang unseres Sommerfestivals.
Mit „American Christmas Gospels“ setzen Sie zum Ende des Jahres einen weiteren internationalen Akzent…
Ja, wir bieten erstmals auch ein Weihnachtskonzert an. Mit der Morris Family aus Nashville gastieren Künstler in der Studienkirche, die mit Elvis Presley, Ray Charles und anderen Superstars gearbeitet haben. Sie singen Gospels und bekannte Christmas Songs, von „Amazing Grace“ bis „Rockin‘ around the christmas tree“. Dieser Abend ist für uns auch eine Brücke ins Jubiläumsjahr 2027 – als bewusste Referenz an die amerikanischen Gründungsväter der Europäischen Wochen.
Wir danken Ihnen für das Gespräch
Fragen u.a. Gerd Jakobi
Fotos Sebastian Ambrosius