Klarer zeigen, wofür die Universität steht

Der neue Präsident der Uni Passau, Prof. Dr. Jan Hendrik Schumann, im großen INNSIDE-Interview.

Prof. Dr. Jan Hendrik Schumann kennt die Universität Passau seit vielen Jahren aus unterschiedlichen Rollen: als Lehrstuhlinhaber für Marketing und Innovation, als früherer Vizepräsident für Forschung und nun als Präsident. Der Psychologe und Marketingforscher, der in Potsdam und Brighton studierte und an der Technischen Universität München promovierte, bringt internationale Erfahrung aus Forschung und Lehre mit.

Im Gespräch mit dem Kulturmagazin INNSIDE geht es um Profil, Prioritäten und die Frage, wie sich die Universität in schwierigen Zeiten behaupten kann.

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Bewegt ins Amt

INNSIDE: Herr Prof. Dr. Schumann, Sie sind nun seit knapp einem Monat der neue Präsident der Universität Passau. Was war für Sie bisher der emotionalste Moment Ihres Amtsantritts?

Prof. Dr. Jan Hendrik Schumann: Besonders emotional war für mich die Amtsübergabe. Das war nicht nur ein sehr schöner Tag, sondern auch eine persönliche und zugleich sehr verbindliche Veranstaltung. Vor allem die vielen guten Wünsche, mit denen ich ins Amt begleitet wurde, haben mich sehr bewegt – sowohl in den Reden als auch in den persönlichen Begegnungen und Gratulationen im Anschluss.
Hinzu kam, dass auch die Übergangsphase von meinem Vorgänger auf sehr besondere Weise gestaltet wurde. Gerade am Tag der Amtsübergabe war spürbar, mit wie viel Wertschätzung und persönlicher Verbundenheit dieser Wechsel verbunden war. Ein besonders berührender Moment war für mich die Musikauswahl meines Vorgängers. Darin lag für mich das Signal, dass ich auch weiterhin einen Freund habe, den ich jederzeit anrufen kann.
Umso schöner war es, dass ich diesen Gedanken auch in meiner eigenen Rede aufgreifen und ihm dafür danken konnte. Genau diese Mischung aus persönlicher Nähe, Dankbarkeit und gegenseitigem Vertrauen hat diesen Tag für mich zu einem ganz besonderen und sehr gelungenen Start ins Amt gemacht.

 

Ein klares Profil schaffen

Worin sehen Sie Ihre dringlichsten Aufgaben als neuer Chef der wichtigsten Bildungs- und Forschungseinrichtung der Region?

Eine der wichtigsten Aufgaben, die wir uns vorgenommen haben, ist die Entwicklung einer neuen Gesamtstrategie für die Universität. Dabei geht es darum, klare Leitziele zu formulieren und gemeinsam zu definieren, wohin sich die Universität Passau in den kommenden Jahren entwickeln soll.

Eng damit verbunden ist für mich die weitere Schärfung des Profils der Universität. Wir müssen noch klarer zeigen, wofür die Universität Passau steht, was ihre Alleinstellungsmerkmale sind und in welchen Bereichen wir besonders stark sind, um uns im Wettbewerb – auch innerhalb Bayerns – noch besser zu positionieren.

Zugleich hilft eine klare Profilbildung auch nach innen, Entscheidungsprozesse zu unterstützen und Entwicklungen langfristig zu steuern. Gerade mit Blick auf die herausfordernde Haushaltssituation ist das besonders wichtig. Das ist sicher ein längerer Prozess. Ein erster wichtiger Schritt ist aber bereits Anfang des Jahres erfolgt: Im Senat wurden Forschungsbereiche und Forschungsstärken diskutiert und in Profil- und Potenzialfelder gegliedert. In den Profilfeldern verfügen wir bereits über eine kritische Anzahl an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die erfolgreich größere Drittmittelprojekte eingeworben haben. Dazu gehören bei uns Cybersicherheit und Datenschutz, Digitale Plattformen, Resiliente Demokratien sowie KI und Sprache. Darüber hinaus haben wir Potenzialfelder identifiziert, in denen sich Forschungsgruppen gerade auf den Weg machen. Darauf können wir nun weiter aufbauen.

 

Mit knappen Mitteln neu steuern

Universitäten, darunter auch die Universität Passau, leiden seit geraumer Zeit unter finanziellem Druck. Haben Sie als Lehrstuhlinhaber für Marketing und Innovation eine Idee, diesen zumindest für Passau zu beheben oder zu lindern?

Aus meiner Sicht ist Profilierung ein wichtiger Schlüssel, um finanziellen Druck zumindest zu lindern. Die Haushaltssituation betrachte ich allerdings nicht in erster Linie aus einer Marketingperspektive. Natürlich geht es auch darum, die Einnahmen der Universität zu erhöhen. Die entscheidenden Hebel liegen dafür vor allem bei größeren Forschungsprojekten. Mit dem Blick des ehemaligen Forschungsvizepräsidenten sehe ich hier die größten Chancen, zusätzliche Mittel für die Universität zu gewinnen.
Zugleich wollen wir im Bereich Weiterbildung aktiver werden, der ebenfalls eine potenzielle Einnahmequelle darstellt. Auch im Fundraising sehe ich Spielraum, die bisherigen Aktivitäten weiter auszubauen.
In der aktuellen Haushaltssituation besteht die zentrale Aufgabe darin, Einnahmen und Ausgaben wieder in Einklang zu bringen. Kurzfristig bedeutet das auch, die Universität in einem gewissen Umfang an die vorhandenen Einnahmen anzupassen. Das werden wir im Rahmen natürlicher Personalfluktuationen erreichen.

Die Kanzlerin und ich analysieren die Haushaltslage derzeit sehr genau, prüfen mögliche Einsparungen und werden die Universitätsgemeinschaft im Sommer transparent über die weitere Entwicklung informieren. Dabei geht es sowohl um dieses Jahr als auch um die Perspektive der kommenden Jahre. Entscheidend ist, dass wir Wege aufzeigen, dass und wie die Universität wieder in ruhigeres Fahrwasser kommen wird.

 

Stadt und Campus enger zusammenbringen

Sie sind schon seit fast 14 Jahren in Passau tätig, kennen also Uni und Stadt sehr gut. Was würden Sie im Verhältnis der beiden zueinander verbessern wollen und was gefällt Ihnen besonders gut?

Als ich nach Passau gekommen bin, ereignete sich kurz darauf die Flut. Das war natürlich kein schönes Ereignis, aber gerade in dieser Zeit habe ich sehr eindrücklich erlebt, wie gut das Verhältnis zwischen Stadt, Universität und Studierenden sein kann. Dieses Miteinander habe ich deshalb von Anfang an als etwas sehr Positives wahrgenommen.
Ich selbst lebe sehr gern in Passau. Die Stadt ist ausgesprochen schön, auch für Familien ein wunderbarer Ort, und ich schätze besonders die vielen persönlichen Begegnungen. Man trifft einander immer wieder, und daraus entsteht ein Vertrauensverhältnis, das ich als sehr wertvoll empfinde.

Eine attraktive Stadt ist für unsere Studierenden ein wichtiges Argument für ein Studium in Passau. Zugleich bin ich überzeugt, dass die Studierenden die Stadt stark prägen und bereichern – und dass die Stadt das auch sehr zu schätzen weiß. Die Stadt Passau profitiert sowohl wirtschaftlich als auch kulturell und gesellschaftlich sehr von der Universität. Insofern lässt sich über das Verhältnis zwischen beiden zunächst einmal sehr viel Gutes sagen.
Natürlich gibt es trotzdem Potenzial, die Zusammenarbeit weiter zu vertiefen. Unter meinem Vorgänger Prof. Dr. Ulrich Bartosch ist hier bereits Einiges auf den Weg gebracht worden, etwa die enge Kooperation zwischen dem städtischen Auslandsamt und dem International Office oder die Treffen zwischen Universitätspräsident, Oberbürgermeister und Landrat. Auch der neue Oberbürgermeister hat die Bedeutung der Universität für die Stadt anlässlich der Amtsübergabe noch einmal ausdrücklich betont. Darauf möchte ich sehr gerne aufbauen.
Ein Bereich, in dem ich noch weitere Möglichkeiten sehe, ist die Sichtbarkeit. Die Universität profitiert in ihrer Außendarstellung stark vom Standort Passau, und umgekehrt ist es auch für die Stadt ein Gewinn, sich als Studierendenstadt zu präsentieren.
Mit Projekten wie ‚TraUBe‘ unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Christina Hansen kommt nun zudem ein weiteres Vorhaben hinzu, das Universität und Stadtgesellschaft noch enger vernetzen soll. Das zeigt, wie viel Potenzial in dieser Beziehung steckt.

 

Die Universität in zehn Jahren

Wo sehen Sie die Universität Passau in zehn Jahren? Welche Ziele haben Sie für ihre künftige Ausrichtung?

Ich würde mir wünschen, dass die Universität Passau in zehn Jahren eine noch klarere Vision ihrer selbst und ihr Profil weiter geschärft hat. Sie sollte sich selbstbewusst und aus eigener Kraft weiterentwickeln – als forschungsstarke Universität mit attraktiven Angeboten in der Lehre und mit gezielten Schwerpunkten und klaren Stärken. Das würde es ermöglichen, immer wieder größere Drittmittel einzuwerben und damit unabhängiger von staatlichen Mitteln zu werden.

Gleichzeitig sollte die Universität durch starke Forschungsgruppen international noch sichtbarer werden. Ein gutes Beispiel dafür ist das Graduiertenkolleg ‚Digital Platform Ecosystem‘, das derzeit in Passau läuft. Dort ist es gelungen, immer wieder sehr renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Passau zu holen. In dieser Form ist das etwas Besonderes. Passau ist zwar eine vergleichsweise kleine Universität, hat in diesem Bereich aber eine äußerst schlagkräftige und weltweit sichtbare Gruppe. Solche starken Konstellationen wollen wir auch in anderen Bereichen aufbauen.

 

Das Audimax als Kulturort

Als Kulturmagazin sind wir auch immer an den kulturellen Schnittstellen zur Universität interessiert. Wie sehen Sie zum Beispiel die Nutzung des entstehenden Audimax als Konzertsaal und anderer Universitätseinrichtungen für allgemeine kulturelle Zwecke?

Ich sehe das absolut positiv. Gerade darin liegt eine große Chance, Universität und Stadt noch enger miteinander zu verbinden. Zugleich freue ich mich sehr auf den Austausch mit den Kulturschaffenden. Erste Gespräche dazu gibt es bereits. Auch wenn es noch etwas dauern wird, bis das Audimax tatsächlich steht, ist es sinnvoll, sich schon jetzt Gedanken über ein tragfähiges Nutzungskonzept zu machen.

Natürlich ist es nicht ganz einfach, den universitären Betrieb mit Konzerten oder anderen kulturellen Veranstaltungen abzustimmen. Dafür wird es klare Nutzungsvereinbarungen oder entsprechende Verträge brauchen. Das ist aber keineswegs unlösbar. Andere Städte wie Regensburg zeigen, dass eine solche doppelte Nutzung gelebte Praxis sein kann.
Insofern freue ich mich sehr auf diese Möglichkeit. Es wäre ein großer Gewinn, wenn nicht nur die Universität selbst durch dieses Gebäude strahlt, sondern es auch für viele andere Gruppen in der Stadt offensteht und genutzt werden kann.

 

Natürlich stellen wir auch Ihnen die INNSIDE-Flussfrage: Mit welchem unserer drei Flüsse können Sie sich am ehesten identifizieren?

Ich mag die Ilz sehr gern, weil sie etwas Ursprüngliches und Naturbelassenes hat. Gerade die Bereiche in der Nähe von Passau wirken noch sehr unberührt. Gleichzeitig hat die Ilz für mich auch etwas Dunkles, Interessantes und fast schon Mystisches.

 

Herr Dr. Schumann, wir bedanken uns für das Gespräch.

Fragen und Text: Gerd Jakobi und Viola Wiesbauer

Fotos: Sebastian Ambrosius

 


 

Vita:

Prof. Dr. Jan Hendrik Schumann ist Inhaber des Lehrstuhls für Marketing und Innovation an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Passau, deren Prodekan und Dekan er von 2018 bis 2023 war.
Seit April 2023 ist er außerdem als Vizepräsident für Forschung Mitglied der aktuellen Universitätsleitung. Bevor er 2012 an die Universität Passau wechselte, war er Juniorprofessor an der TUMSchool of Management der Technischen Universität München, wo er 2009 auch promovierte.

Seine zentralen Forschungsschwerpunkte sind Digitales Marketing, Digitale Geschäftsmodelle, das Management von Kundenbeziehungen sowie Service Pricing. Seine Forschungsarbeiten wurden in führenden internationalen Fachzeitschriften seines Faches publiziert und wiederholt ausgezeichnet, 2019 gewann Prof. Dr. Schumann den prestigeträchtigen Emerging Service Scholar Award der AMA SERVSIG, der Special Interest Group Service der American Marketing Association.