Im Gloriversum soll es menscheln

Gloria Gray über vier Jahrzehnte Showgeschäft, verlorene Kulturorte und ihr neues „Café Gloria“ in Zwiesel.

Volle Säle, Flops, Fernsehstudios, kleine Bühnen – Gloria Gray kennt viele Seiten des Showgeschäfts. Was die Entertainerin, Schauspielerin, Sängerin und Produzentin heute besonders beschäftigt, ist die Frage, wo Kultur überhaupt noch stattfinden kann. Denn während Wirtshaussäle und kleine Bühnen verschwinden, fehlen gerade jene Orte, an denen Menschen zusammenkommen, sich ausprobieren und begegnen können. In Zwiesel will Gray nun selbst einen solchen Ort schaffen. Im INNSIDE-Interview spricht sie über den Preis von Kultur, die Bedeutung des Miteinanders und ihre Idee eines Gloriversums, in dem es vor allem eines soll: menscheln.

 

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Was hinter Applaus steckt

INNSIDE: Sie stehen jetzt seit 40 Jahren auf der Bühne. Was macht Ihnen heute noch genauso viel Spaß wie am Anfang, und was hat sich in der deutschen Kulturlandschaft seitdem am meisten verändert?

Gloria Gray: Im besten Fall macht es Spaß, aber es ist eben auch sehr viel Arbeit. Sie kennen bestimmt das Eisbergmodell: 20 Prozent schauen aus dem Wasser, 80 Prozent liegen darunter. Genauso darf man sich das Showgeschäft vorstellen. Da ist diese ganze Arbeit davor und danach, die niemand sieht.
Aber beim Performen auf der Bühne mobilisiert man dann doch noch einmal die ganze Kraft und Energie. Und nach der Show kommt dieses Glücksgefühl, wenn man merkt, dass das Publikum zufrieden ist. Manchmal gehe ich völlig glückselig nach Hause. Das ist ein Gefühl, das man nicht bei eBay kaufen kann. Wahrscheinlich nimmt man genau dafür den ganzen Wahnsinn immer wieder auf sich.
Einfacher ist das Geschäft in den vergangenen 40 Jahren allerdings nicht geworden. Es ist unglaublich schwer, eine Produktion auf die Beine zu stellen, ohne am Ende draufzuzahlen. Die Ticketpreise steigen, gleichzeitig kann sich das natürlich nicht jede:r leisten. Verlangen Veranstalter:innen oder Künstler:innen jedoch weniger, kommt man am Ende oft auf keine schwarze Null. Schließlich ist alles teurer geworden: Saalmiete, Technik, Künstler:innen, Musiker:innen. Das Showgeschäft war schon immer ein toughes Business, aber mittlerweile ist es noch härter geworden. Unterstützung gibt es kaum, und wenn gespart wird, trifft es schnell Kunst und Kultur. Manche versuchen deshalb, mithilfe von KI Zeit und Geld zu sparen. Aber wenn dabei Qualität verloren geht, merkt das Publikum das ebenfalls.
Vielleicht führt uns diese Entwicklung wieder vor Augen, was Menschen eigentlich suchen: etwas Menschliches. Kunst von Menschen für Menschen.

 

Von Hollywood bis in den Kreistag

Mit Ihrer Show „Gloria Gray 6.0“ haben Sie Anfang des Jahres gleich zwei Jubiläen gefeiert: 40 Jahre auf der Bühne und Ihren 60. Geburtstag. Wenn Sie zurückblicken: An welche Momente erinnern Sie sich besonders gern?

Je älter ich werde, desto öfter denke ich an die Anfänge zurück, vor allem an diese besondere Stimmung unter den Künstler:innen. Damals war mehr Zeit und Muße da. Man saß in einem Boot, hatte ein gemeinsames Ziel und entwickelte miteinander etwas. Heute wird viel weniger gemeinsam geprobt, auch aus Kostengründen. Dabei geht viel von dem künstlerischen Prozess verloren.
Natürlich gibt es auch konkrete Highlights, an die ich mich gern erinnere. 1992, mit 26 Jahren, hatte ich meinen ersten Fernsehvertrag bei Sat.1. Das war für mich unheimlich erbauend und motivierend. Ein anderes Highlight war mein Gastauftritt in Joseph Vilsmaiers Film „Marlene“. Dafür habe ich 1999 in Hollywood in den Paramount Studios gedreht. Das vergisst man natürlich nicht. Dazu kamen Auftritte in der Münchner Philharmonie, wo ich mehrere Abende vor vollem Haus moderiert und gesungen habe.
Zu den besonderen Stationen meines Lebens gehören für mich aber auch die politischen Erfahrungen in meiner Heimat. 2020 wurde ich im Landkreis Regen zur Kreisrätin gewählt, und 2022 bin ich in Zwiesel als Bürgermeister:innenkandidatin angetreten und hätte es beinahe ins Amt geschafft.
Natürlich hatte ich in 40 Jahren auch meine Flops. Aber selbst die waren wichtig, denn daraus lernt man oft mindestens genauso viel wie aus den Erfolgen.

 

Kultur braucht Räume

Sie haben lange in München gelebt und sind dann zurück in den Bayerischen Wald gezogen. Was bietet die Großstadt kulturell, was das Land nicht hat – und umgekehrt?

In der Großstadt hat man mehr von allem: mehr Verrückte, mehr Mutige, mehr Menschen, die etwas ausprobieren wollen, und vor allem mehr Plattformen dafür.
Auf dem Land läuft vieles stärker über Vereine oder lokale Initiativen. Große Produktionen dorthin zu bringen, ist schwieriger. Dafür hat man vielleicht mehr Zeit und Ruhe, um kreativ zu sein. Diese Großstadthektik und der permanente Stress fallen ein Stück weit weg.
Es hat also beides seine Vor- und Nachteile. Schön wäre, wenn man beides stärker verbinden könnte: die Möglichkeiten, den Mut und die Vielfalt der Großstadt mit der Ruhe und dem Freiraum auf dem Land.

Was braucht es, damit Kultur auf dem Land lebendig bleibt und gerade auch jüngere Menschen erreicht?

Förderung. Und zwar in jeder Hinsicht. Es braucht Möglichkeiten, Plattformen und natürlich finanzielle Unterstützung. Wenn junge Menschen Talent und den Drang haben, sich auszuprobieren, brauchen sie Orte und Gelegenheiten dafür. Talent allein reicht nicht. Man braucht auch Glück, muss Chancen erkennen, den richtigen Menschen begegnen und natürlich fleißig sein. Jede Unterstützung ist dabei willkommen, vor allem durch Plattformen, auf denen man überhaupt sichtbar werden kann.
Gerade auf dem Land sind viele Orte verloren gegangen. Früher gab es unheimlich viele Gasthäuser mit Sälen, und in diesen Sälen stand meistens auch eine Bühne. Heute erleben wir ein regelrechtes Wirtshaussterben. Damit verschwinden nicht nur Gasthäuser, sondern auch Räume, in denen Kultur stattfinden konnte.
Die Möglichkeiten werden dadurch weniger. Aber manchmal zwingt einen genau dieser Mangel auch dazu, kreativ zu werden und neue Plattformen für die eigene Kunst zu schaffen.

 

Ein Gloriversum für Zwiesel

Sie eröffnen im September wieder ein „Café Gloria“ in Zwiesel. Was für ein Ort soll das neue Café werden?

In erster Linie soll es ein Ort der Begegnung und der Inspiration werden, ein Gloriversum. Mir ist wichtig, dass es dort menschelt. Von Menschen für Menschen. Es gibt mittlerweile Lokale, in denen man kaum noch persönlichen Kontakt hat. Ich möchte das Gegenteil schaffen.
Das „Café Gloria“ wird tagsüber ein Café und abends eine Bar sein, kein Restaurant. Und es wird eine Bühne geben: für einheimische Künstler:innen, Gastkünstler:innen, aber natürlich auch für mich selbst.
Gerade Lokale mit einer Bühne werden immer seltener. Dabei sind solche kleinen Orte unglaublich wichtig. Dort können Musiker:innen oder Kabarettist:innen aus der Region auftreten, vielleicht kann eine Vorpremiere stattfinden oder jemand etwas im kleineren Kreis ausprobieren.
Drinnen haben ungefähr 50 bis 60 Gäste Platz. Draußen gibt es einen großen Gartenbereich, in dem ich mir auch Open-Air-Konzerte vorstellen kann.
Ich möchte einen Ort schaffen, an dem Menschen zusammenkommen, sich austauschen und inspirieren lassen – und an dem Kunst und Kultur ganz selbstverständlich ihren Platz haben.

 

Vom Sichtbarsein und Vorleben

Nach dem tragischen Anschlag im Umfeld des Berliner CSD im Juli: Hat sich für Sie noch einmal verändert, welche Bedeutung der CSD und öffentliche queere Sichtbarkeit heute haben?

Ich war schon beim ersten CSD in München dabei. Damals ging es darum, dass Menschen die gleichen Rechte und Chancen bekommen. Dafür sind wir auf die Straße gegangen, und das hat sich gelohnt, denn seitdem ist sehr viel passiert. Trotzdem braucht es solche Demonstrationen weiterhin. Menschen müssen für ihre Rechte und Minderheiten füreinander einstehen. Aber dieses Miteinander darf nicht nur an einem einzigen Tag im Jahr stattfinden. Es muss sich auch im Alltag zeigen.
Sichtbarkeit spielt dabei eine große Rolle. Jeder Mensch sollte das Recht haben, so zu sein, wie er ist. Gleiche Rechte und gleiche Chancen für alle – darum geht es für mich im Kern.
Mein Grundsatz bleibt: leben und leben lassen. Jede:r soll das eigene Leben so führen können, wie es den eigenen Vorstellungen entspricht, solange man anderen damit nicht schadet oder ihnen etwas wegnimmt.
Und ich glaube dabei sehr an das Vorleben: nicht nur reden, sondern zeigen, wie man miteinander leben kann. Diese Handlungsebene überzeugt Menschen oft am meisten.

 

Die Isar als Verbindung

Zum Schluss unsere INNSIDE-Flussfrage: Gibt es einen Fluss, mit dem Sie sich besonders identifizieren können?

Die Isar, auf jeden Fall. Die verbinde ich ganz stark mit München. München war immer gut zu mir, dort bin ich gewissermaßen noch einmal neu geboren worden. Eine Zeit lang habe ich mich sogar fast wie eine Isar-Amazone gefühlt. Ich habe viel Zeit an der Isar verbracht, bin dort entlanggeradelt, habe Freund:innen getroffen und die Zeit am Fluss genossen. Gleichzeitig ist sie für mich auch eine Verbindung in Richtung Bayerischer Wald. Die Isar mündet bei Deggendorf in die Donau, und Deggendorf ist für mich so etwas wie das Tor zum Bayerischen Wald und damit Richtung Zwiesel.
Insofern schließt sich für mich ein Kreis: Die Isar steht für München, die Donau führt mich weiter Richtung Bayerischer Wald, und beides gehört zu meinem Leben.

 

Text und Fragen: Viola Wiesbauer

 


Termine für „Gloria Gray 6.0“

16.10.2026, 20 Uhr
Waldkirchen, Bürgersaal

18.10.2026, 18 Uhr
Deggendorf, Kapuzinerstadl

22.10.2026, 20:00 Uhr
München, Deutsches Theater

24.10.2026, 19:30 Uhr
Zwiesel, Waldmuseum

 

Infos und Ticktes www.gloriagray.com