Foto: Helmut Weishäupl
Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Das Labor für Demokratiebildung an der Universität Passau will deshalb demokratische Widerstandskräfte stärken. Ein Ansatz dabei ist die Auseinandersetzung mit individuellen Lebenswelten. Persönliche Lebensgeschichten sollen dabei helfen, zu verstehen, was auf dem Spiel steht, wenn rechtsstaatliche Strukturen und individuelle Freiheitsrechte gefährdet sind.
Geleitet wird das Labor von der Historikerin Dr. Linda von Keyserlingk-Rehbein und Prof. Dr. Inken Heldt, Inhaberin des Lehrstuhls für das Politische System der Bundesrepublik Deutschland und Politische Bildung. Im Innside-Interview spricht Linda von Keyserlingk-Rehbein darüber, wie Demokratiebildung Perspektivwechsel ermöglicht und Demokratie stärken kann.
INNSIDE: Demokratien geraten weltweit unter Druck. Hat sich das Verständnis von Demokratie in unserer heutigen Gesellschaft verändert?
Linda von Keyserlingk-Rehbein: Zunächst müssen wir uns bewusst machen: Es gibt nicht die eine Demokratie. Demokratien können sehr unterschiedlich ausgestaltet sein. Gleichzeitig erleben wir einen deutlichen Rückgang demokratischer Strukturen: 2005 lebten noch rund 50 Prozent der Weltbevölkerung in Demokratien, 2025 waren es nur noch rund 25 Prozent. In liberalen Demokratien wie in Deutschland leben heute sogar nur noch rund 7 Prozent aller Menschen. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen, wenn von „Demokratie“ gesprochen wird. Denn auch politische Bewegungen mit rechtsextremen oder autoritären Positionen nehmen für sich in Anspruch, demokratisch zu sein. Doch Mehrheitsentscheidungen allein machen noch keine liberale Demokratie aus. Dazu gehören auch der Schutz von Minderheiten, individuelle Freiheitsrechte, die Gewaltenteilung und ein verlässlicher Rechtsstaat.
Was können wir hier in Passau tun, damit Demokratie im Alltag lebendig bleibt?
Jeder und jede kann dazu beitragen – durch ehrenamtliches oder politisches Engagement und die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung. In Passau wirken bereits sehr engagierte zivilgesellschaftliche Organisationen, mit denen auch wir kooperieren – zum Beispiel der Verein Gemeinsam leben und lernen in Europa oder die Wochen zur Demokratie. Demokratiebildung bedeutet dabei nicht nur Wissensvermittlung. Es geht auch darum, die Werte zu vermitteln und einzuüben, auf denen unser Grundgesetz aufbaut. Wichtig sind auch Empathie, Toleranz und eine konstruktive Streitkultur: anderen zuhören, unterschiedliche Perspektiven kennenlernen und aushalten und auch dann im Gespräch bleiben und gemeinsame Lösungen suchen, wenn man nicht derselben Meinung ist.
Welche Rolle übernimmt das Labor für Demokratiebildung hierbei?
Mit unseren Projekten setzen wir genau hier an. Wir schaffen Räume und Angebote für Perspektivwechsel – über Generationen-, Länder- und Sprachgrenzen hinweg. Geschichte vermitteln wir dabei nicht nur als abstraktes Wissen, sondern anhand konkreter Lebensgeschichten. Gemeinsam mit Studierenden haben wir etwa so genannte Oral-History-Projekte durchgeführt und Menschen aus Passau interviewt, die aus der DDR fliehen wollten. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch mussten sie Haft und Repressionen erleiden, bevor sie als politische Häftlinge von der Bundesrepublik freigekauft wurden und nach Passau kommen konnten. Gerade ein solcher Blick auf Diktaturen kann zeigen, was es heißt, wenn rechtsstaatliche und demokratische Strukturen fehlen.
Unsere Region verbindet Deutschland, Österreich und Tschechien – Länder mit unterschiedlichen historischen Erfahrungen. Welche Chancen sehen Sie gerade darin für die Demokratiebildung?
Grenzregionen haben eine besondere Chance: Sie können zeigen, dass unterschiedliche historische Erfahrungen nicht trennen müssen, sondern Anlass für gegenseitiges Lernen sein können. Wir arbeiten deshalb eng mit Partnern in Österreich und Tschechien zusammen, unter anderem in Budweis und Brünn. Gerade für die Demokratiebildung ist dieser Perspektivwechsel wichtig: Warum wurde eine historische Situation in Tschechien anders erlebt als in Bayern? Welche Erfahrungen prägen Menschen bis heute? Ein Beispiel dafür ist unsere deutsch-tschechische Ausstellung „Ich habe die tschechische Sprache geheiratet“ über den Schriftsteller Reiner Kunze. Diese Ausstellung habe ich für die Reiner und Elisabeth Kunze Stiftung kuratiert, mit der wir eng kooperieren. Gemeinsam mit dem Sprachenzentrum der Universität haben auch Studierende aus den Tschechisch-Sprachkursen an den Übersetzungen mitgewirkt. Solche Projekte machen den Perspektivwechsel konkret: Sie bringen Menschen und historische Erfahrungen ins Gespräch. Zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse, bei der Tschechien Gastland ist, wird die Ausstellung auch vor der Deutschen Nationalbibliothek zu sehen sein.
Immer mehr Menschen informieren sich über soziale Medien, gleichzeitig verbreiten sich Desinformation und Verschwörungserzählungen rasant. Wie kann Demokratiebildung Menschen helfen, Orientierung zu finden?
Demokratiebildung soll Menschen nicht vorschreiben, was sie denken sollen. Sie soll sie befähigen, sich selbst ein begründetes Urteil zu bilden. Ein wichtiger Bezugspunkt ist dabei der Beutelsbacher Konsens: Politische Bildung darf nicht überwältigen, und kontroverse Themen müssen auch kontrovers dargestellt werden. Gerade in sozialen Medien begegnen uns jedoch häufig einfache Antworten auf komplexe Fragen. Deshalb müssen wir lernen, Widersprüche und Komplexität auszuhalten. Demokratiebildung sollte hier ganz konkrete Kompetenzen vermitteln: Wie überprüfe ich eine Information? Welche Interessen stecken hinter einer Aussage? Welche Argumente sprechen für unterschiedliche Positionen? Auch Streiten will gelernt sein. Hass und Hetze in sozialen Medien haben mit einer solchen demokratischen Streitkultur nichts zu tun.
Sie erzählen im Demokratielabor immer auch persönliche Lebensgeschichten von Menschen, statt nur politische Geschichte? Was können Zeitzeugnisse und biografische Erfahrungen vermitteln?
Persönliche Lebensgeschichten können große historische und politische Themen greifbar machen. Sie sind Geschichte mit Gesicht. Historische und politische Zusammenhänge werden anhand konkreter Menschen und ihrer Lebenswege erzählt. Ein Schulbuch vermittelt Strukturen, Daten und Zusammenhänge. Eine Biografie zeigt dagegen, wie sich historische Entwicklungen auf einzelne Menschen ausgewirkt haben: Welche Entscheidungen musste jemand treffen? Welche Handlungsmöglichkeiten gab es? Geschichte wird dadurch nicht unbedingt einfacher, aber anschaulicher. Die Beschäftigung mit den Lebenswegen anderer ermöglicht uns zugleich, unsere heutige Lebenswelt und unsere Entscheidungsmöglichkeiten zu reflektieren.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was sollte sich in unserer Region in den nächsten zehn Jahren im Umgang miteinander verändern, damit unsere Demokratie stärker wird?
Ich würde mir wünschen, dass uns noch stärker bewusst wird, welchen Wert eine offene Gesellschaft hat. Demokratie ist nicht selbstverständlich. Sie lebt davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen und sich einbringen. Dafür müssen wir den Wert von Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Vielfalt und offenem gesellschaftlichem Austausch immer wieder erfahrbar machen. Deshalb sollten wir Demokratiebildung und historisch-politische Bildung flächendeckend stärken – und zwar nicht nur an weiterführenden Schulen oder in der Erwachsenenbildung. Demokratische Kompetenzen und die Auseinandersetzung mit Geschichte können bereits in der Grundschule beginnen.
Zum Abschluss stellen wir natürlich auch Ihnen die Innside-Frage: Welcher Fluss in Passau ist Ihr liebster Fluss – Donau, Inn oder Ilz?
Die Entscheidung fällt mir schwer, da alle Flüsse ihren Reiz haben. Beim Inn fasziniert mich die helle türkise Farbe, die aus den Schweizer Alpen kommend etwas sehr Frisches und Faszinierendes ausstrahlt. Die Donau ist ein beeindruckender großer Strom, der durch so viele verschiedene europäische Länder fließt und der daher unendlich viele Geschichten zu erzählen weiß. Die Ilz ist eine wunderschöne wilde Naturperle. Ausweichend würde ich auf die Frage daher antworten: Mein liebster Platz am Fluss ist die Ortsspitze in Passau, wo alle drei Flüsse zusammenkommen, sich im wilden Farbenspiel vermengen und dann auf dem gemeinsamen weiteren Weg miteinander klarkommen müssen.
Wir danken Ihnen für das Gespräch!
Seit 2025: Geschäftsführerin des Forschungs- und Reflexionslabors Demokratiebildung. Lebenswelten in Diktaturen und Demokratien an der Universität Passau
Seit 2019: wiss. Mitarbeiterin der Universität Passau im Kontext von Diktaturerfahrungen, Resistenz und Widerstand
2021/22: Forschungsstipendium der Reiner und Elisabeth Kunze-Stiftung
2017-2019: Elternzeit und freiberufliche Tätigkeit als Historikerin
2017: Promotion (Historische Netzwerkanalyse zum 20. Juli 1944, Universität Potsdam)
2011-2017: Leiterin der Dokumentensammlung und Ausstellungskuratorin am Militärhistorischen Museum in Dresden (MHM) (u.a. Kuratorin der Wanderausstellung „Attentat auf Hitler. Stauffenberg und mehr“, 2014)