Bin sehr gut im Amt angekommen

Andreas Rother im Gespräch über ÖPNV, Kultur, Stadtentwicklung und das, was Passau in den kommenden Jahren beschäftigen wird.

Seit Mai ist Andreas Rother Oberbürgermeister von Passau. Ganz neu ist ihm die Kommunalpolitik allerdings nicht: Seit 18 Jahren sitzt er bereits im Passauer Stadtrat, sechs Jahre lang war er zweiter Bürgermeister. Im INNSIDE-Interview erzählt er, wie er in seinem neuen Amt angekommen ist, warum Passau in den kommenden Jahren sparen muss und was das für ÖPNV und Radverkehr bedeutet. Außerdem spricht er über die Zukunft der Kulturszene, Potenziale im Tourismus – und darüber, weshalb die Donau der Fluss ist, mit dem er sich am stärksten verbunden fühlt.

 

Anzeige

Im Amt angekommen

INNSIDE: Wie sind Sie im neuen Amt angekommen? Was hat Sie am meisten überrascht?

Andreas Rother: Ich bin sehr gut angekommen. Komplettes Neuland war das Amt für mich natürlich nicht, weil ich viele Instrumente und vor allem die Menschen schon vorher kennenlernen durfte. Trotzdem ist die Aufgabe noch einmal eine ganz andere. In den ersten sechs Monaten habe ich sehr viele Gespräche geführt, konnte tiefer in die verschiedenen Bereiche einsteigen, mir eine eigene Meinung bilden und Entscheidungen treffen.

Überrascht hat mich tatsächlich wenig. Wenn man seit 18 Jahren in der Kommunalpolitik ist und sechs Jahre zweiter Bürgermeister war, kennt man viele Menschen, Institutionen, Vereine und natürlich auch die Verantwortlichen im Haus bereits sehr gut.
Insgesamt kann ich sagen, dass es mir wirklich riesigen Spaß macht und ich jeden Tag gern in die Arbeit gehe. Das liegt vor allem auch an meinen Kolleginnen und Kollegen und an der sehr guten und schönen Zusammenarbeit.

 

ÖPNV neu denken

Angesichts der angespannten Haushaltslage steht der Stadt ein Spar- und Streichkonzert bevor. Aktuell wird vor allem über den ÖPNV diskutiert. Gibt es beim vorgestellten Einsparplan noch Spielraum, oder führt kein Weg daran vorbei?

Ich bin Unternehmer und habe auch nicht immer nur Zeiten erlebt, in denen es senkrecht nach oben ging. Mit einer angespannten Haushaltslage muss man umgehen – zu Hause mit dem eigenen Geldbeutel genauso wie als Stadt. Momentan sind unsere finanziellen Ressourcen deutlich eingeschränkt. Bund und Länder übertragen den Kommunen immer mehr Aufgaben, die nicht ausreichend refinanziert werden und die wir deshalb aus unserem eigenen Haushalt stemmen müssen. Gerade 2027 und 2028 werden herausfordernde Jahre. Ich bin aber überzeugt davon, dass danach auch wieder leichtere Zeiten kommen werden.

Deshalb müssen wir an der einen oder anderen Stelle einsparen. Beim ÖPNV war uns schon seit einigen Jahren bewusst, dass wir irgendwann handeln müssen, weil das Defizit kontinuierlich gestiegen ist. Aktuell liegt es bei rund 8,5 Millionen Euro pro Jahr – das können wir auf Dauer nicht mehr stemmen. Gleichzeitig haben wir keinen schlechten ÖPNV. Passau hat pro Kopf ein sehr weitläufiges Streckennetz, was natürlich auch mit der Topografie und den vielen Brücken zusammenhängt.
Deshalb spreche ich bewusst von einer Optimierung. Unser ÖPNV war bislang sehr analog und wenig anwenderfreundlich. Mit der Digitalisierung wollen wir Barrieren abbauen und ihn gerade auch für jüngere Menschen attraktiver machen. Wenn man am Handy sehen kann, wo der Bus ist und wann er ankommt, ist das ein großer Fortschritt. Auch bei den On-Demand-Angeboten soll es Verbesserungen geben.
Natürlich werden wir trotzdem in einigen Bereichen einsparen müssen. Wichtig ist aber, dass wir inzwischen eine sehr gute Datengrundlage haben. Seit Anfang des Jahres können wir genau nachvollziehen, wie stark einzelne Linien genutzt werden. Zusätzlich arbeiten wir mit ioki zusammen, einem Unternehmen, das unter anderem Bewegungsdaten, Fahrtwege und Arbeitsplatzschwerpunkte analysiert. All das fließt in die Planung des neuen Konzepts ein.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist für mich die Bürgerbeteiligung. Wir werden fünf Versammlungen in den betroffenen Ortsteilen durchführen und dort direkt über die geplanten Veränderungen sprechen. Zudem können sich die Bürgerinnen und Bürger u.a. auch online beteiligen. Der eine oder andere wird künftig vielleicht sogar besser angebunden sein, andere müssen möglicherweise 100 oder 200 Meter weiter zur nächsten Haltestelle gehen.
Wenn das Konzept so umgesetzt wird, wie es derzeit auf dem Tisch liegt, erreichen wir eine Einsparung von rund 25 Prozent. Gleichzeitig werden nach unseren Berechnungen nur etwa zehn Prozent der Fahrgäste überhaupt spürbare Veränderungen bemerken. Das Konzept ist aber nicht starr – an einzelnen Stellen kann sich noch etwas verschieben oder verändern. Vom grundsätzlichen Einsparziel können wir jedoch nicht weit abrücken.
Entscheidend ist für uns: Beim ÖPNV soll niemand abgehängt werden. Und ich bin überzeugt davon, dass wir das auch künftig gewährleisten können.

 

Die Zukunft des Radverkehrs

Radfahren wird auch in Passau zunehmend zum alternativen Verkehrsmittel. Wie soll die Radinfrastruktur weiter ausgebaut werden – etwa bei Radwegen, Abstellmöglichkeiten und einer besseren Kennzeichnung?

Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, dass Passau einmal eine Fahrradstadt wie Freiburg werden kann. Dafür fehlen uns durch die Topografie und die räumlichen Gegebenheiten schlicht die Möglichkeiten. Trotzdem haben wir in den vergangenen Jahren viele Millionen Euro in den Radverkehr investiert – etwa in den Tunnel, den Radweg auf der Ries und viele kleinere Maßnahmen.
Das soll auch weitergehen. Aktuell treiben wir beispielsweise den Radweg Richtung Dommelstadl voran. Außerdem bin ich mit dem Staatlichen Bauamt im Gespräch über eine mögliche Radverbindung von der Straußbrücke bis zur Hängebrücke. Weil dort eine Bundesstraße verläuft, ist das eigentlich Aufgabe des Staatlichen Bauamts. Wenn sich dort eine Lösung finden ließe, wäre das ein großer Gewinn, weil beispielsweise aus Richtung Maierhof bislang eine gute Verbindung zur Hängebrücke fehlt.
Gleichzeitig muss man ehrlich sagen: In der aktuellen Haushaltslage werden wir in den nächsten ein bis drei Jahren keine großen Millionenbeträge ausschließlich in neue Radwege investieren können. Kleinere Verbesserungen wird es aber weiterhin geben, wie beispielsweise zusätzliche Fahrradstellplätze, die jedes Jahr auf der Agenda stehen.

 

Kultur ohne Kürzungen

Wie wirkt sich die angespannte Finanzlage auf den Kulturbereich aus? Müssen sich Kultureinrichtungen und -initiativen auf finanzielle Einschnitte einstellen – und wenn ja, in welchem Umfang?

In dem Haushalt, den ich gemeinsam mit der Verwaltung erarbeitet habe und dem Stadtrat vorlegen werde, sind bei den freiwilligen Leistungen für Kultur, Sport und Vereine keine Kürzungen vorgesehen. Wenn der Haushalt so beschlossen wird, wie wir ihn vorschlagen, wird es in diesen Bereichen also keine finanziellen Einschnitte geben. Das ist mir auch persönlich sehr wichtig.

Kultur schafft Abwechslung und holt uns ein Stück weit aus dem grauen Alltag heraus. Passau ist eine unglaublich reiche Kulturstadt mit einem sehr vielfältigen Angebot – von Musik über bildende Kunst bis hin zu vielen weiteren Bereichen. Ich glaube, uns fehlt hier eigentlich nichts, wofür man unbedingt in eine andere Stadt fahren müsste. Und genau das soll auch so bleiben.
Was wir allerdings noch besser machen können, ist, unser kulturelles Angebot sichtbarer zu machen. Vieles von dem, was Passau zu bieten hat, ist noch gar nicht allen bekannt. Deshalb ist es wichtig, die Kunst- und Kulturszene nicht nur zu erhalten, sondern sie auch stärker nach außen zu präsentieren.

 

Tourismus stärker vernetzen

Neben den finanziellen Herausforderungen gibt es aber auch durchaus positive Tendenzen, wie etwa im Tourismus. Die Gäste- und Übernachtungszahlen sind zuletzt gestiegen. Wie soll sich der Tourismus in Passau nun weiterentwickeln?

Wir haben gute und steigende Tourismuszahlen. Deshalb geht es für uns weniger darum, die reine Menge weiter zu erhöhen, sondern die Qualität weiter zu stärken und darum, auch die ruhigeren Zeiten besser zu bespielen.
Ein weiteres wichtiges Thema ist die Vernetzung. Wir schauen derzeit, wie wir die Stadt noch stärker bündeln und gemeinsam vermarkten können.

Großes Potenzial sehe ich außerdem bei Kongressen und Messen. Passau wäre dafür eigentlich prädestiniert: Wir haben die Attraktivität, die räumlichen Möglichkeiten und eine Stadt, in die die Menschen auch gerne kommen. Davon würden letztlich viele Bereiche profitieren.

Generell versuchen wir im Tourismus, moderne Möglichkeiten zu nutzen und Gäste möglichst gut mit Informationen zu versorgen. Ich glaube, dass wir hier auf einem guten Weg sind.

 

Gemeinsam weiterdenken

Stadt und Landkreis Passau sind eng miteinander verbunden. Wie gestaltet sich hier die Zusammenarbeit und gibt es Ideen, diese weiter zu fördern – gerade im kulturellen Bereich?

Mit Landrat Raimund Kneidinger bin ich in sehr engem Austausch. Wir haben einen kurzen Draht und telefonieren regelmäßig miteinander. Gerade beim ÖPNV oder bei der Wirtschaftsförderung ist diese Zusammenarbeit wichtig, weil viele Themen natürlich nicht an der Stadtgrenze enden.
Beim Thema Kultur profitiert der Landkreis stark von den Angeboten in der Stadt. Wir haben beispielsweise das Landestheater hier und übernehmen in vielen Bereichen eine wichtige Funktion für die gesamte Region. Ich bin deshalb guter Dinge, dass wir auch künftig gemeinsam den Blick auf Stadt und Landkreis richten werden.

 

Die Donau verbindet

Zum Schluss natürlich unsere INNSIDE-Flussfrage: Gibt es einen Fluss in Passau, mit dem Sie sich besonders identifizieren können – und warum?
Als Hacklberger ist es natürlich die Donau. Ich bin an der Donau aufgewachsen. Als kleiner Junge haben wir unten an der Vilshofener Straße gewohnt, direkt am Fluss, und ich war im Sommer oft im damaligen Seminarbad.
Auch als Oberbürgermeister ist die Donau für mich ganz klar der Fluss, der Passau besonders prägt.
Ich glaube außerdem, dass sie auch von ihrem Wesen her ganz gut zu mir passt: ruhig und ausgeglichen. Und ich würde gerne behaupten, dass ich ein Mensch bin, der andere mitnimmt – so wie die Donau die anderen Flüsse mitnimmt.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Die Fragen stellten Gerd Jakobi und Viola Wiesbauer

Fotos: Sebastian Ambrosius