Aktionskreis „Frei leben ohne Gewalt“
Die Wanderausstellung „Was ich anhatte“ kommt nach Passau und räumt mit verbreiteten Mythen rund um sexualisierte Gewalt auf. Im INNSIDE-Interview sprechen Dr. Ulrike de Langen-Müller und Janine Kagerer über falsche Schuldzuweisungen, ihre Arbeit gegen Gewalt an Frauen und die Bedeutung von Aufklärung und Unterstützung.
Vom 20. November bis 4. Dezember 2026 ist die Wanderausstellung „Was ich anhatte“ im Foyer der Zentralbibliothek der Universität Passau zu sehen. Anhand von zwölf Kleidungsstücken und den Geschichten der Menschen, die sie getragen haben, macht sie Erfahrungen sexualisierter Gewalt sichtbar und setzt sich mit gesellschaftlichen Vorurteilen und der Frage nach Schuld und Verantwortung auseinander. Nach Passau geholt hat die Ausstellung der Aktionskreis „Frei leben ohne Gewalt“, der sich mit verschiedenen Aktionen und Veranstaltungen gegen Gewalt an Frauen einsetzt. Über die Ausstellung, die Arbeit des Aktionskreises und den Umgang mit sexualisierter Gewalt haben wir mit zwei der insgesamt 13 Mitglieder des Aktionskreises gesprochen: Dr. Ulrike de Langen-Müller, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Soroptimistin, sowie Janine Kagerer, Leiterin des Frauenhauses Passau.
INNSIDE: Die Ausstellung „Was ich anhatte“ erzählt die Geschichten von zwölf Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher konkret?
de Langen-Müller: Die Wanderausstellung wurde von der Autorin und Dokumentarfilmerin Beatrix Wilmes initiiert und kuratiert, die sich auch im Bündnis „Gemeinsam gegen Sexismus“ engagiert. Im Vorfeld wurden dafür Betroffene über die sozialen Medien dazu aufgerufen, Kleidung einzuschicken, die sie bei einem sexualisierten Übergriff getragen hatten. Aus den zahlreichen Einsendungen wurden schließlich zwölf Exponate ausgewählt.
Die ausgewählten Kleidungsstücke werden in der Ausstellung auf einer Höhe präsentiert, die ungefähr der Körpergröße der jeweiligen betroffenen Person entspricht. Daneben erzählen Roll-ups ihre persönlichen Geschichten. Da die Ausstellung bei Besucherinnen und Besuchern auch Erinnerungen an eigene Gewalterfahrungen auslösen kann, wird der Bereich im Foyer der Universitätsbibliothek bewusst mit Stellwänden abgeschirmt und mit einer Triggerwarnung versehen. Zusätzlich gibt es während der Öffnungszeiten von 11 bis 17 Uhr eine Sitzwache, die als Ansprechperson für Fragen und Gespräche bereitsteht und bei Bedarf an weiterführende Informations- und Hilfsangebote vermittelt.
Wichtig ist außerdem, dass „Was ich anhatte“ keine „Opferausstellung“ sein soll. Die Betroffenen treten mit ihren Erfahrungen bewusst an die Öffentlichkeit und möchten damit auch anderen Betroffenen Mut machen. Der Satz von Gisèle Pelicot, die 2024 im Prozess gegen ihren damaligen Ehemann und 50 weitere Angeklagte bewusst an die Öffentlichkeit ging, bringt sehr gut auf den Punkt, worum es dabei geht: „Die Scham muss die Seite wechseln.“ Nicht die Betroffenen sollten sich für das Erlebte schämen müssen.
Der Titel der Ausstellung greift die Frage auf, was Betroffene zum Zeitpunkt eines Übergriffs getragen haben. Warum ist es wichtig, solche Schuldzuweisungen rund um sexualisierte Gewalt sichtbar zu machen?
de Langen-Müller: Das ist ein zentrales und zugleich schwieriges Thema. Beim sogenannten Victim Blaming wird Betroffenen eine Mitschuld an der erlebten Gewalt zugeschrieben. Gerade bei sexualisierter Gewalt ist das besonders problematisch, weil sie ohnehin häufig mit Scham verbunden ist. Fragen wie „Was hattest du an?“, „Warum warst du nachts allein unterwegs?“ oder „Hast du vielleicht falsche Signale gegeben?“ werden Betroffenen häufig gestellt. Sie mögen aus einem Schutzgedanken heraus entstehen und auf die besonderen Gefahren hinweisen, denen Frauen ausgesetzt sind. Dennoch können sie eine falsche und fatale Wirkung haben, weil sie die Verantwortung für den Übergriff zumindest teilweise den Betroffenen zuschreiben.
Dahinter stehen tief verankerte gesellschaftliche und biologische Vorstellungen, nach denen Frauen durch ihre Kleidung, ihr Auftreten oder ihr Verhalten bestimmte Reaktionen provozieren würden. Aber kurze Kleidung, Schminke oder selbstbewusstes Auftreten sind weder eine Einladung zu sexistischen Bemerkungen noch zu Übergriffen.
Bei sexualisierter Gewalt geht es letztlich um Macht und Gewalt; Sexualität wird dabei zum Mittel der Machtausübung. Was jemand bei einem Übergriff getragen hat, spielt deshalb keine Rolle. Genau das führt die Ausstellung sehr eindrücklich vor Augen.
Die Wanderausstellung ist seit 2020 an zahlreichen Orten in Deutschland zu sehen. Was hat den Aktionskreis dazu bewegt, gerade diese Ausstellung nach Passau zu holen?
de Langen-Müller: Uns ist schon lange wichtig, Kräfte zu bündeln und gemeinsam Aufmerksamkeit für das Thema „Gewalt gegen Frauen“ zu schaffen. Deshalb organisiert der Aktionskreis jedes Jahr rund um die Orange Days eine Aktionswoche mit unterschiedlichen Formaten – von Mahnwachen und Vorträgen bis hin zu Filmvorführungen und ökumenischen Gebeten.
In diesem Jahr wollten wir bewusst wieder ein größeres Projekt nach Passau holen. Solche Veranstaltungen sind mit viel organisatorischem Aufwand verbunden und deshalb nicht jedes Jahr möglich. Gleichzeitig schaffen sie eine besondere Öffentlichkeit: Sie erreichen Menschen, die sich sonst vielleicht weniger mit dem Thema beschäftigen, und eröffnen Räume für Gespräche.
Besonders schön war zu sehen, wie viele Mitglieder des Aktionskreises sich an der Organisation beteiligt haben und wie gut die Zusammenarbeit zwischen den kirchlichen Arbeitsstellen, gesellschaftspolitischen Initiativen und der Universität Passau funktioniert hat. Letztere hat uns dabei besonders unterstützt.
Hinter dem Aktionskreis „Frei leben ohne Gewalt“ stehen verschiedene Einrichtungen und Organisationen aus Passau und der Region. Wie setzt sich der Aktionskreis konkret gegen Gewalt an Frauen ein?
de Langen-Müller: Bei Soroptimist International gibt es die drei großen Bs: Bewusstmachen, Bekennen und Bewegen. Das beschreibt eigentlich sehr gut, worum es auch im Aktionskreis geht.
Am Anfang steht das Bewusstmachen. Aktionen rund um die Orange Days oder den Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November machen sichtbar, wie viele Frauen von Gewalt betroffen sind und dass es sich dabei nicht um einzelne Schicksale, sondern um ein gesellschaftliches Problem handelt.
Gleichzeitig geht es darum, klar Position zu beziehen und sich für die Rechte und den Schutz von Frauen einzusetzen. Im Aktionskreis kommen dafür ganz unterschiedliche Organisationen zusammen: Während Einrichtungen wie das Frauenhaus oder SOLWODI Betroffene unmittelbar unterstützen, setzen andere stärker auf Prävention, Öffentlichkeitsarbeit oder die Arbeit mit gewaltausübenden Personen, wie etwa die Fachstelle Täterarbeit von pro familia.
Der große Vorteil liegt in dieser Vernetzung. Gemeinsam können wir Öffentlichkeit schaffen, Hilfsangebote sichtbarer machen und langfristig gesellschaftliche wie politische Veränderungen anstoßen.
Welche Rolle spielt sexualisierte Gewalt in der Arbeit des Frauenhauses, und warum ist eine Ausstellung wie „Was ich anhatte“ aus Ihrer Sicht wichtig?
Kagerer: Sexualisierte Gewalt kann eine von verschiedenen Formen häuslicher Gewalt sein und ist deshalb auch in unserer Arbeit ein wichtiges Thema. Sie kann innerhalb einer Partnerschaft auftreten, aber ebenso im sozialen Nahraum oder außerhalb von Beziehungen. Ich habe bereits Frauen begleitet, die sowohl in ihrer Partnerschaft als auch in ihrem näheren Umfeld sexuelle Übergriffe erlebt haben.
Dabei ist wichtig, sexualisierte Gewalt nicht isoliert zu betrachten. Häufig tritt sie gemeinsam mit anderen Formen von Gewalt auf – etwa mit psychischer, körperlicher, sozialer oder finanzieller Gewalt. Gerade im Partnerschaftskontext greifen diese verschiedenen Ebenen oft ineinander.
Im Frauenhaus bieten wir Betroffenen Schutz und eine sichere Unterkunft. Gleichzeitig können sich Frauen auch ambulant an uns wenden, wenn sie keine Aufnahme benötigen oder wünschen, aber Beratung suchen.
Eine Ausstellung wie „Was ich anhatte“ ist wichtig, weil sie ein Thema, das häufig im Privaten bleibt, in die Öffentlichkeit holt. Sie kann Betroffenen zeigen, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein sind, und zugleich Menschen erreichen, die bisher kaum Berührungspunkte mit dem Thema hatten. So kann sie Wissen vermitteln, Hemmschwellen abbauen und auf bestehende Hilfsangebote aufmerksam machen.
Die Ausstellung ist Teil der Aktionswoche rund um den Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Was wünschen Sie sich, dass Besucherinnen und Besucher aus der Ausstellung mitnehmen, und welche Gespräche soll sie über die Aktionswoche hinaus anstoßen?
Kagerer: Ich wünsche mir vor allem, dass die Ausstellung einen Impuls gibt, die eigenen – vielleicht auch unbewussten – Vorstellungen zu hinterfragen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Gleichzeitig soll sie sichtbar machen, wie präsent Gewalt gegen Frauen noch immer ist.
Wenn ich in meinem privaten Umfeld erzähle, dass ich im Frauenhaus arbeite, werde ich tatsächlich immer wieder gefragt: „Braucht es das denn wirklich noch?“ Und die Antwort ist ganz klar: Ja.
Die Scham, über eigene Erfahrungen zu sprechen oder sich Unterstützung zu holen, ist nach wie vor groß. Deshalb dürfen wir nicht aufhören, aufzuklären und Hilfsangebote sichtbar zu machen. Wissen kann dabei auch Handlungsmöglichkeiten schaffen: Je mehr Frauen wissen, wo sie Unterstützung bekommen und an wen sie sich wenden können, desto eher können sie Hilfe in Anspruch nehmen.
Ich wünsche mir deshalb, dass Betroffene merken, dass sie nicht allein sind – und dass die Gespräche, die durch die Ausstellung entstehen, auch über die Aktionswoche hinaus weitergeführt werden.
de Langen-Müller: Mir wäre besonders wichtig, dass viele junge Menschen die Ausstellung besuchen und miteinander ins Gespräch kommen. Gerade bei ihnen liegt großes Veränderungspotenzial für kommende Generationen. Gleichzeitig hoffe ich, dass sich auch Männer für die Ausstellung und unsere Arbeit interessieren, anstatt den Eindruck zu gewinnen, pauschal an den Pranger gestellt zu werden. Auf der anderen Seite sollten gewaltausübende Personen in spezialisierten Angeboten der Täterarbeit Verantwortung für ihr Tun übernehmen und alternative Handlungsstrategien erlernen können.
Die Ausstellung, der Eröffnungsvortrag von Asha Hedayati und die Filmvorführung von „Bis zur Wahrheit“, bei der auch die Regisseurin anwesend sein wird, bieten die Möglichkeit, mit verbreiteten Vorstellungen über sexualisierte Gewalt aufzuräumen. Häufig denkt man zunächst an die Joggerin im Park oder an eine Frau, die nachts in einem Parkhaus von einem Fremden überfallen wird. Täter kommen jedoch häufiger aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen und sind im Alltag nicht unbedingt als solche zu erkennen.
Gerade weil häufig eine persönliche Bindung besteht, kann es für Betroffene besonders schwer sein, über das Erlebte zu sprechen oder Anzeige zu erstatten. Auch darüber müssen wir stärker ins Gespräch kommen.
Zum Schluss unsere INNSIDE-Flussfrage: Mit welchem der drei Passauer Flüsse identifizieren Sie sich besonders – und warum?
de Langen-Müller: Das ist definitiv die Ilz, auch wenn ich ebenfalls sehr gerne am Inn bin. Ich mag an ihr vor allem ihre unglaubliche Vielseitigkeit – und genau das schätze ich auch an Menschen, sei es in meiner Arbeit, in der Familie oder im Freundeskreis.
Am Stausee gibt es zum Beispiel eine Stelle, die ich immer „Bayerisch Kanada“ nenne, weil der Blick dort so weit und besonders ist. Weiter oben gibt es wiederum einen Ort, den wir unsere „mediterrane Stelle“ nennen, weil es dort intensiv nach Kiefern riecht. Ich gehe sehr gerne den Rundweg von Hals aus, gerade weil die Ilz auf relativ kurzer Strecke so viele unterschiedliche Seiten zeigt. Genau das macht sie für mich besonders.
Danke für das Gespräch!
Das Interview führte Viola Wiesbauer.
Zwölf Kleidungsstücke,
zwölf Geschichten
Foyer der Zentralbibliothek
der Universität Passau
Innstraße 29 | 94032 Passau
20. November bis 4. Dezember 2026
Öffnungszeiten: Täglich von 11-17 Uhr
Programm:
20.11. um 18.30 Uhr Eröffnungsvortrag von Asha Hedayati, Rechtsanwältin und Autorin des Buches „Die stille Gewalt“
01.12.um 18 Uhr Filmvorführung „Bis zur Warheit“ mit anschließendem Filmgespräch mit Regisseurin Saralisa Volm