Foto: Sebastian Ambrosius
Nach sieben männlichen Intendanten hat das Niederbayerische Landestheater das erste Mal in seiner nun 76-jährigen Geschichte eine Frau an seiner Spitze! Mit Astrid Großgasteiger und Elisa Gogou als musikalische Leiterin wird das Theater erstmals rein weiblich geführt. Wir waren gespannt auf die neue Intendantin und haben sie um ein Gespräch zum Auftakt ihrer ersten Spielzeit gebeten.
INNSIDE: Was war Ihre erste Amtshandlung als neue Intendantin des Landestheaters Niederbayern?
Astrid Großgasteiger: Meine erste Amtshandlung war, zuzuhören. Ich wollte verstehen, wie die Menschen dieses Haus erleben, was gut funktioniert und wo sie Veränderung brauchen.
Dabei hat mich besonders beeindruckt, wie offen Menschen, die teilweise seit Jahrzehnten an diesem Haus arbeiten, für Neues sind und dass sie bereit sind, auch das vermeintlich Selbstverständliche zu hinterfragen. Ich erlebe hier viele Menschen, die gestalten wollen. Das ist für den Beginn meiner Intendanz ein sehr guter Ausgangspunkt.
Was sind Ihre Schwerpunkte für Ihre Intendanz am Landestheater?
Ich möchte ein Theater, das künstlerisch etwas wagt und zugleich ein selbstverständlicher Teil dieser Region ist. Aus meiner bisherigen Arbeit weiß ich, dass sich die Beziehung zum Theater verändert, wenn Menschen nicht nur Zuschauende bleiben, sondern auch zu einem Teil des künstlerischen Prozesses werden. Auch deshalb ist das Junge Theater so wichtig für das Landestheater. Es ist keine Ergänzung, sondern eine zentrale Aufgabe von Theater. Theater ist immer politisch. Nicht, weil jede Inszenierung eine Botschaft verkünden muss, sondern weil wir mit unserer Arbeit entscheiden, welche Perspektiven sichtbar werden und welche Fragen wir miteinander aushandeln und aushalten.
Sie setzen nicht nur thematisch neue Duftmarken, sondern auch strukturell. Wie sieht hier Ihr Plan aus?
Natürlich gibt es Dinge, die sich verändern werden. Mir ist wichtig, Verantwortung klar zu verteilen, Kommunikation zu stärken und Zusammenarbeit über die einzelnen Sparten hinweg zu fördern. Die interessantesten Ideen entstehen oft dort, wo unterschiedliche Erfahrungen aufeinandertreffen. Svenja Gottsmann und die Dramaturginnen bringen dabei wichtige eigene Perspektiven ein. Zugleich gehört für mich eine enge Zusammenarbeit zwischen künstlerischer und kaufmännischer Leitung dazu. Konrad Krukowski und ich haben unterschiedliche Verantwortungsbereiche, aber ein gemeinsames Interesse, gute Bedingungen dafür zu schaffen, dass Kunst entstehen kann.
Mit der neuen Generalmusikdirektorin Elisa Gogou und Ihnen sind erstmals in der Geschichte des Landestheaters zwei Frauen an der Spitze. Wie weiblich wird das Theater?
Dass Elisa Gogou und ich dieses Haus gemeinsam führen, ist ein wichtiges Signal. Gleichzeitig hoffe ich, dass es irgendwann keine Nachricht mehr wert ist. Warum waren gesamtgesellschaftlich bestimmte Leitungs- und Verantwortungspositionen über Jahrzehnte so selbstverständlich männlich besetzt? Und welche Erfahrungen, Perspektiven oder Stimmen sind dadurch möglicherweise weniger sichtbar geworden?
Das verändert sich nicht allein durch zwei Frauen an der Spitze. Es braucht einen deutlichen Blick auf Zugänge, Auswahlprozesse und Arbeitskulturen. Vielleicht ist es am Ende tatsächlich das, was wir erreichen können: dass junge Menschen selbstverständlich erleben, dass Führung und Verantwortung keine Frage des Geschlechts sind.
Was kann die Rolle des Theaters in einer Zeit der unglaublichen Medienvielfalt in einem ländlichen Raum wie dem unseren sein?
Ich verstehe Theater nicht als Konkurrenz zu Netflix oder Social Media, sondern als etwas grundlegend anderes. Im Theater kann ich nicht wegwischen, vorspulen oder den Raum verlassen, ohne dass es eine soziale Bedeutung bekommt. Ich bin gemeinsam mit anderen Menschen anwesend und erlebe, dass eine Geschichte, eine Figur oder ein Konflikt mich unmittelbar betrifft. Dieser gemeinsame Ort ist für mich kostbar. Deshalb gehört Vermittlung auch nicht an den Rand der künstlerischen Arbeit, sondern mitten hinein. Anne-Sophie Seelig und Nwarin Gad arbeiten genau an dieser Schnittstelle und schaffen unterschiedliche Zugänge zu dem, was auf der Bühne passiert.
Auf welche Inszenierung Ihrer ersten Spielzeit sind Sie besonders gespannt und gibt es einen Lieblingsautor?
Jede Produktion wird eine andere Facette unseres Hauses zeigen. An „Ein Sommernachtstraum“ arbeite ich im Moment und freue mich daher besonders auf die Premiere. Mich fasziniert an diesem Shakespeare, dass seine Figuren oft mit großer Überzeugung handeln und gleichzeitig erstaunlich wenig Kontrolle darüber haben, was mit ihnen geschieht. Menschen geraten aus der Bahn, verlieben sich in die Falschen, verfolgen Wünsche, die sie selbst nicht verstehen, und müssen am Ende akzeptieren, dass das Leben selten so ordentlich verläuft, wie man es geplant hat. Einen einzelnen Lieblingsautor oder eine einzelne Lieblingsautorin habe ich nicht. Mich interessieren Stoffe, die mich beim Arbeiten überraschen und bei denen auch nach der Aufführung noch etwas offenbleibt.
Gibt es einen Fluss in Ihrem Leben, mit dem Sie sich am ehesten identifizieren können?
Wahrscheinlich die Amper, weil sie mit meiner Kindheit verbunden ist. Da habe ich viel Zeit am Amperwehr verbracht. Und kein Fluss, aber doch Wasser, die Ostsee. Die letzten Jahre habe ich ja an der Kieler Förde gelebt und das sehr genossen. Jetzt entdecke ich die Gewässer Niederbayerns neu. Wir wohnen ganz nah an der kleinen Isar. Das ist auch ein schönes Bild für einen Neuanfang: Man nimmt seine Geschichte mit, ist aber trotzdem offen dafür, neue Wege einzuschlagen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Gerd Jakobi
Fotos: Sebastian Ambrosius
Infos zum aktuellen Programm im Landestheater:
Astrid Großgasteiger ist seit der Spielzeit 2026/27 Intendantin des Landestheaters Niederbayern.
Sie studierte Theaterwissenschaft, Ethnologie und Pädagogik in München und Sydney. Bereits während des Studiums entstanden erste eigene Inszenierungen auf dem Tollwood Kulturfestival. Studien- und Arbeitsaufenthalte führten sie zur Bell Shakespeare Company in Sydney sowie an das Adishakti Laboratory for Theatre Arts Research in Puducherry (Indien).
Von 2009 bis 2016 war Astrid Großgasteiger am Salzburger Landestheater tätig, zunächst als Regieassistentin, später als Hausregisseurin, Schauspielreferentin und Dramaturgin. Dort gründete sie die Salzburger Bürgerbühne, entwickelte mehrere Theaterfestivals und übernahm 2013 die künstlerische Leitung der Sparte Junges Land.
Von 2016 bis 2026 war sie Intendantin des Jungen Theaters im Werftpark, der eigenständigen Sparte für junges Publikum des Theaters Kiel. In dieser Zeit verantwortete sie zahlreiche Uraufführungen, Klassikerbearbeitungen und spartenübergreifende Produktionen und entwickelte das Profil des Hauses im Bereich Theatervermittlung und Partizipation weiter. Von 2022 bis 2026 war sie zudem Sprecherin des Arbeitskreises Nord der ASSITEJ Deutschland.
Als Regisseurin arbeitet Astrid Großgasteiger im Schauspiel, Musiktheater und Tanz. Sie inszenierte an verschiedenen deutschsprachigen Bühnen und Festivals, darunter bei den Tiroler Volksschauspielen Telfs. Zu ihren Arbeiten zählen Klassiker ebenso wie zeitgenössische Dramatik, Kinder- und Jugendstücke sowie Opernproduktionen. Darüber hinaus schreibt sie eigene Theaterstücke und Adaptionen klassischer Stoffe.