Ein Ort, wo niemand weggeschickt wird

Bahnhofsmission-Leiterin Angelika Leitl-Weber über die unsichtbaren Krisen am Rand der Gesellschaft.

Wer am Passauer Bahnhof ankommt, sieht zunächst Reisende, Pendelnde, Koffer, Fahrpläne und Gleise. Menschen kommen an, steigen um, reisen weiter. Doch direkt am Gleis 1 gibt es einen Ort, an dem niemand sofort weiter muss. In der Bahnhofsmission finden Menschen schnell und unbürokratisch Hilfe, ein Gespräch, eine kleine Stärkung, Informationen, Kontakte oder einfach einen Moment Ruhe. Auch Reisehilfen gehören zum Angebot: Als Unterstützung des Services der Bahn begleiten die Mitarbeitenden Menschen beim Ein-, Aus- oder Umsteigen und helfen ihnen, sicher weiterzureisen.

Für manche ist sie eine praktische Anlaufstelle, für andere ein letzter Halt in einer Lebenslage, in der vieles weggebrochen ist. Angelika Leitl-Weber kennt die Geschichten hinter diesen Türen seit mehr als zwei Jahrzehnten. Seit 2008 leitet sie die Bahnhofsmission Passau. Im Interview mit dem INNSIDE-Magazin spricht sie über steigende Obdachlosigkeit, psychische Belastungen, stille Schicksale und darüber, warum Hilfe manchmal mit etwas scheinbar Einfachem – mit Zuhören – beginnt.

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Wo gesellschaftliche Krisen sichtbar werden

INNSIDE: Viele Menschen wissen gar nicht, dass sich die Bahnhofsmission Passau auch um wohnungslose und obdachlose Menschen kümmert. Warum übernimmt gerade die Bahnhofsmission diese Aufgabe?

Angelika Leitl-Weber: Das hat bei uns eine lange Tradition. Bahnhofsmissionen haben sich schon immer um Menschen gekümmert, die in prekären Wohnsituationen leben oder ganz ohne Unterkunft sind. Die erste Bahnhofsmission wurde 1897 in Berlin gegründet. Damals schlossen sich evangelische, jüdische und katholische Frauen zusammen, um Frauen zu helfen, die vom Land nach Berlin kamen, dort Arbeit suchten und oft völlig mittellos waren.
Diese Geschichte prägt unsere Arbeit bis heute. Eine Bahnhofsmission ist immer auch ein Seismograf der Gesellschaft. Was sich draußen verändert, kommt hier sehr unmittelbar an. Und im Moment sehen wir deutlich: Die Zahl der obdachlosen Menschen steigt.

 

Ein Netzwerk, das trägt

Die Bahnhofsmission steht unter der Trägerschaft des Diözesancaritasverbands. Erhalten Sie darüber hinaus Unterstützung von anderer Seite?

Ja, und dafür sind wir sehr dankbar. Wir haben viele Unterstützerinnen und Unterstützer, darunter Vereine und auch Service-Clubs, Einrichtungen, Betriebe, Privatpersonen und natürlich unsere Ehrenamtlichen. Ich möchte gar niemanden einzeln herausheben, weil so viele Menschen auf ihre Weise helfen.
Wir bekommen zum Beispiel regelmäßig Brot von der Biobäckerei Wagner, auch Yormas spendet Lebensmittel. Die ZF, das Klinikum, das Café Simon und viele weitere Stellen unterstützen uns ebenfalls. Und dann sind da natürlich die Menschen, die Zeit schenken: unsere Ehrenamtlichen. Ohne sie wäre vieles nicht möglich.
Trotzdem sind wir zusätzlich auf Spenden angewiesen. Der Diözesancaritasverband trägt die Bahnhofsmission, aber unsere Arbeit in dieser Form könnten wir ohne weitere Unterstützung nicht aufrechterhalten. Wir kaufen jeden Tag Lebensmittel ein, weil die Spenden allein für die vielen Menschen, die zu uns kommen, nicht ausreichen.

 

Wenn die Not zunimmt

Wie viele Menschen kommen täglich zu Ihnen? Und wer sind die Menschen, die sich an die Bahnhofsmission wenden?

An einem normalen Tag haben wir etwa 80 bis 120 Kontakte. Ein Kontakt bedeutet: Jemand kommt zu uns, manchmal auch mehrmals am Tag. Wenn man die einzelnen Personen zählt, sind es derzeit ungefähr 70 Menschen täglich.
Zu uns kommen nicht nur Menschen aus Passau. Viele stammen aus osteuropäischen Ländern. Manche kommen wegen einer versprochenen Arbeitsstelle, die es dann doch nicht gibt. Andere werden ausgenutzt, schlecht behandelt oder gar nicht bezahlt. Manche kommen auch, weil sie das Gefühl haben, hier auf der Straße etwas friedlicher leben zu können. Und auch Menschen aus Großstädten suchen bei uns Hilfe, weil man sich in einer kleineren Stadt oft besser orientieren und vernetzen kann.
Im Jahr 2025 hatten wir rund 26.400 Kontakte. Diese Zahl ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, besonders seit der Corona-Pandemie. Davor waren es fast nur halb so viele. Gleichzeitig beobachten wir, dass psychische Erkrankungen zugenommen haben.
Während der Lockdowns waren wir eine der wenigen Einrichtungen in Passau, die überhaupt geöffnet hatten. Anfangs konnten wir nur über das Fenster versorgen. Später, als die Regeln gelockert wurden, durften nach und nach wieder Menschen hereinkommen. In dieser Zeit kamen viele zu uns, die wir vorher gar nicht kannten. Es war ja sonst fast alles geschlossen.
Damals wurde sehr deutlich, wie wichtig die Bahnhofsmission ist. Viele hatten gar nicht im Blick, dass auch Herbergen geschlossen waren und manche Menschen nicht einmal eine Möglichkeit hatten, sich zu waschen. Wir haben dann organisiert, dass wenigstens an einem Tag in der Herberge mit Warteliste geduscht werden konnte. Das sind Dinge, an die man oft erst denkt, wenn man täglich mit den Betroffenen zu tun hat.

 

Ein warmer Ort ist erst der Anfang

Welche konkrete Hilfe können Sie Menschen in Not anbieten?

Zunächst einmal ganz praktische Dinge: etwas zu essen, etwas zu trinken, einen warmen Ort, an dem man kurz zur Ruhe kommen kann. Einen eigenen Koch haben wir nicht. Zwei- bis dreimal pro Woche bekommen wir jedoch Essen von Koch Frank Meurer gebracht, das wir hier aufwärmen können. Außerdem gibt es eine Spenderin, die uns ein- bis zweimal pro Woche Eintopf vorbeibringt. Was darüber hinaus gebraucht wird, kaufen wir ein.
Aber die eigentliche Hilfe beginnt oft nicht beim Essen, sondern beim Zuhören. Für viele Menschen ist es entscheidend, dass es einen Ort gibt, an dem sie willkommen sind – anonym, ohne Vorbedingung und in jedem Zustand. Sie können sich bei uns ausruhen, ihr Handy laden, telefonieren, Zeitung lesen, sich orientieren.
Ein weiterer wichtiger Bereich sind die Reisehilfen. Wir unterstützen hier den Service der Bahn, indem wir Menschen begleiten, die beim Ein-, Aus- oder Umsteigen Hilfe brauchen. Dazu gehören zum Beispiel ältere Menschen, Menschen mit Behinderung, Familien mit Kindern oder Reisende, die sich unsicher fühlen.
Wir beraten auch im Sozialsystem und helfen bei bürokratischen Fragen. Ich bin zusätzlich Berufsbetreuerin und kenne mich in diesem Bereich gut aus. Dadurch kann ich viele Menschen ganz konkret unterstützen, etwa bei Anträgen, Behördenwegen oder wenn jemand gar nicht weiß, welche Hilfe ihm zusteht.

 

Was Menschen brauchen, bevor Formulare helfen

Was brauchen die Hilfesuchenden am dringendsten? Und welchen Problemen begegnen Sie besonders häufig?

Ganz oft brauchen Menschen zuerst etwas sehr Einfaches: einen Ort, an den sie gehen können. Einen Ort, an dem jemand zuhört und nicht sofort bewertet. Essen und Trinken sind wichtig, natürlich. Aber genauso wichtig ist diese zwischenmenschliche Hilfe.
Vor kurzem hatten wir einen sehr traurigen Fall. Ein Mann, der regelmäßig bei uns zu Gast war, ist gestorben. In solchen Situationen begleiten wir auch die Menschen, die zurückbleiben. Seine Frau ist zu uns gekommen, und wir versuchen nun zu klären, ob die Bestattungskosten übernommen werden können. Auch das gehört zu unserer Arbeit: mittragen, da sein, helfen, wo Hilfe möglich ist.

Ganz konkret werden auch Kleidung, Schlafsäcke, Isomatten und Rucksäcke gebraucht. Solche Sachspenden sind immer willkommen. Ebenso Dosenkonserven, die Menschen mitnehmen können, wenn sie später am Tag noch Hunger haben und die Essensangebote in Passau bereits geschlossen sind. Auch Campingkocher können hilfreich sein.
Wir stellen außerdem Nothilfe-Fahrkarten aus und vermitteln weiter, etwa an die Caritas oder andere zuständige Stellen. Wenn jemand mit nichts zu uns kommt, versuchen wir herauszufinden: Was ist jetzt der nächste sinnvolle Schritt? Auch Strafentlassene kommen oft zuerst zu uns. Jeder Tag ist anders, und wir versuchen immer, lösungsorientiert zu arbeiten.

 

Wenn Arbeit zur Berufung wird

Sie arbeiten schon lange in der Bahnhofsmission. Wie geht es Ihnen persönlich damit? Und gab es ein Erlebnis, das Sie besonders geprägt hat?

Ich arbeite seit 21 Jahren hier, seit 2008 leite ich die Bahnhofsmission. Mir geht es gut damit. Ich liebe diese Arbeit. Für mich ist das wirklich eine Berufung.
Ich begegne den Menschen hier mit Respekt und Offenheit und komme sehr gut mit ihnen zurecht. Natürlich ist nicht immer alles einfach. Meistens ist es ruhig, aber manchmal werden Konflikte, die draußen entstehen, auch zu uns hereingetragen. Diese richten sich aber eigentlich nicht gegen uns. Wichtig ist, dass wir durch den Diözesancaritasverband sehr gut geschult sind, gerade was Deeskalation betrifft. So können wir Situationen auffangen, begleiten und beruhigen, bevor sie eskalieren.
Auch mit der Polizei arbeiten wir gut zusammen. Sie verweist immer wieder Menschen an uns, die Hilfe brauchen.

 

Bewegende Momente

Besonders nahe geht es mir, wenn Menschen sterben, die regelmäßig bei uns waren. Wenn man jemanden lange und intensiv begleitet hat, nimmt einen das natürlich mit. Im Durchschnitt sterben jedes Jahr etwa sechs bis acht unserer Stammgäste.
Ein Erlebnis, das mir sehr im Gedächtnis geblieben ist, war die Geschichte einer Familie. Die Frau und ihr Mann waren früher suchtkrank. Eines Tages stand sie vor unserer Tür und sagte: „Angie, ich bin schwanger.“ Im ersten Moment hatte ich Bedenken. Aber dann habe ich mich für sie und ihr Kind gefreut. Und tatsächlich haben die beiden es geschafft, von der Sucht wegzukommen. Heute führen sie ein stabiles Familienleben. Ich treffe sie noch oft, und jedes Mal freue ich mich sehr. Solche Geschichten sind selten, aber sie zeigen, dass Veränderung möglich ist. Das bleibt einem im Herzen.

 

Der Inn als Kraftbild

Zum Schluss stellen wir Ihnen natürlich noch unsere INNSIDE-Flussfrage: Gibt es einen Fluss, mit dem Sie sich besonders identifizieren können?

Das ist definitiv der Inn. Er ist reißend, kraftvoll und voller Strömungen, genau wie die Arbeit hier. Ein echter Powerfluss.

 

Fragen und Text: Gerd Jakobi und Viola Wiesbauer

Fotos: Sebastian Ambrosius

Der Verein Rock hilft veranstaltet ein Benefizkonzert am 9.8.26 im Rathaus Innenhof zugunsten der Bahnhofsmission.