(c)Niklas Heinecke
Der Deutsche Jazzpreis ist die zentrale nationale Auszeichnung für Jazz in Deutschland und würdigt seit 2021 herausragende künstlerische, journalistische und vermittelnde Leistungen der nationalen und internationalen Jazzszene. Ziel des Preises ist es, die künstlerische Vielfalt, Innovationskraft und gesellschaftliche Bedeutung des Jazz sichtbar zu machen sowie die Arbeit der vielen Akteur:innen zu stärken, die Jazz in all seinen Facetten ermöglichen und weiterentwickeln.
Ausgezeichnet werden nicht nur Musiker:innen und Ensembles, sondern auch Leistungen entlang der gesamten Jazzlandschaft – darunter Alben, Kompositionen und Arrangements, Rundfunkproduktionen, Festivals, journalistische Beiträge sowie Projekte der Musikvermittlung und Teilhabe. Der Deutsche Jazzpreis versteht sich dabei als Plattform für zeitgenössischen Jazz, der Tradition und Gegenwart verbindet, neue Ausdrucksformen erprobt und Impulse über Genre- und Ländergrenzen hinweg setzt.
Der Preis wird von der Initiative Musik gGmbH getragen. Hauptförderer ist der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Mit seiner klaren inhaltlichen Ausrichtung und einer unabhängigen Fachjury trägt der Deutsche Jazzpreis nachhaltig zur Sichtbarkeit und Wertschätzung von Jazz aus Deutschland im In- und Ausland bei.
Der Deutsche Jazzpreis 2026 wird am 25. April 2026 im Rahmen der internationalen Fachmesse jazzahead! in Bremen verliehen.
Sie beobachten die Jazzszene seit vielen Jahren: als Journalist, Kurator und Moderator. Mit welchem Blick schauen Sie heute auf den Deutschen Jazzpreis?
Götz Bühler: Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich aus der Vogelperspektive auf den Deutschen Jazzpreis schaue. Aber zumindest verschafft uns die Liste der Nominierten so etwas wie einen Spannungsbogen über das, was gerade im Jazz passiert – national und international. Natürlich habe ich auch den Blick des Co-Moderators, der sich immer wieder darüber freut, dass diese doch sehr heterogene Szene am Abend des Deutschen Jazzpreises feierlich zusammenfindet.
Wenn Sie auf die aktuelle Jazzszene blicken: Welche Dynamiken oder Verschiebungen prägen sie im Moment besonders?
Götz Bühler: Meiner Meinung nach war Jazz noch nie ein so weit gefasster Begriff wie heute. Dass diese so unterschiedlichen Strömungen, Stile und Szenen, die heute dazugehören, in einer Musik zusammenkommen, die schließlich auf Improvisation basiert und diese in vielerlei Hinsicht lebt, halte ich nur für logisch. Natürlich freut es mich außerdem, dass immer mehr junge Musiker:innen ihren Weg im Jazz finden – und vor allem immer mehr Frauen. Auch das ist etwas, das Veranstaltungen wie der Deutsche Jazzpreis und die jazzahead! verantwortungsvoll abbildet.
Jazz ist heute oft genreübergreifend, kollaborativ und international vernetzt. Verändert diese Offenheit auch die Erwartung an Institutionen wie den Deutschen Jazzpreis?
Götz Bühler: Ich denke, dass der Deutsche Jazzpreis diese Internationalität und Universalität des Jazz repräsentiert. Nicht nur die Lebensrealitäten einer sich ständig verändernden Musik- und Livebranche tragen dazu bei, dass Musiker:innen über den nationalen Tellerrand hinaus agieren, sondern auch der Wunsch, im gegenseitigen Austausch zu mehr Verständnis zu finden. Jazz war schon immer eine Musik, die im besten Fall Unterschiede willkommen geheißen hat und von ständiger Entwicklung und Veränderung lebt.
In Ihrer Arbeit erleben Sie Künstler:innen sehr nah. Welche Arbeitsrealitäten begegnen Ihnen dabei, und was kann ein Preis in diesem Zusammenhang überhaupt sichtbar machen?
Götz Bühler: Man darf sich nichts vormachen: Die meisten Künstler:innen arbeiten unter erschwerten finanziellen Bedingungen. Daran hat sich wenig geändert. Aber sie sind sich auch des Privilegs bewusst, ihr Talent ausleben zu können und dabei möglichst tatkräftig, sprich finanziell, unterstützt zu werden. Ein Preis kann diese Realität nicht ändern, aber er ist ein deutliches Zeichen. Und eben auch eine wichtige Anerkennung und Belohnung für alles, was hinter dem ausgezeichneten Kunstwerk oder der ausgezeichneten Künstler:in steht.
Jazz gilt als freie Kunstform, ist zugleich stark von Förderstrukturen abhängig. Wie lässt sich dieses Spannungsfeld produktiv denken?
Götz Bühler: Kultur ist kein Luxus, sondern Lebensmittel; ein essenzieller Bestandteil unserer Gesellschaft. Was uns Kunst gibt, ist unbezahlbar und doch absolut notwendig. Wir alle profitieren von den Leistungen der wenigen, die ihr Leben der Kunst widmen. Auch ganz direkt, wenn man sich ansieht, wie viele ausgebildete Jazzmusiker:innen die Musik für zum Beispiel Theaterproduktionen oder Popstars machen oder ihr Wissen als Lehrende weitergeben. Dazu kommt die internationale Perspektive: Wenn man auch in Zukunft vielleicht als Land der Dichter und Denker wahrgenommen werden möchte, empfiehlt es sich, diese zu fördern. Ich jedenfalls freue mich mehr darüber, im Ausland auf Bands, Filme oder Bücher angesprochen zu werden als auf Fußball oder Bratwurst.
Wenn Sie Jazz heute jemandem erklären müssten, der ihn vor allem mit Tradition verbindet: Welche Geschichte über die Gegenwart würde der Deutsche Jazzpreis erzählen?
Götz Bühler: In all seiner Innovation lebt Jazz seine Tradition. Die verbindende Befreiungskraft des ursprünglich afroamerikanischen Jazz steckt auch heute noch hinter allem, was sich Jazz nennt. Natürlich passiert es mir selbst auch oft, dass Freunde, die nicht in meiner – oder unserer – Jazz-Bubble unterwegs sind, irritiert auf das reagieren, was sie zu hören bekommen. Doch meistens spüren sie schon nach kurzer Zeit mindestens die Energie und die Fantasie, die dahinterstecken. Ich hoffe sehr, dass wir uns bald von dem Gedanken lösen, dass Jazz eine Musik ist, die nur wenigen Eingeweihten vorbehalten ist. Denn das stimmt so einfach nicht! Mir ist bisher noch niemand begegnet, der nicht zumindest irgendwo in der großen weiten Jazzwelt einen Anknüpfungspunkt findet – und vor allem Freude empfindet und daraus vielleicht irgendwann auch eine Leidenschaft für diese kraftvolle, spannende und im besten Sinne herausfordernde Musik entwickelt.