Seit über vier Jahren setzt Stefan Braitinger mit Rock hilft e.V. den Ton für gelebte Solidarität. Mit Benefizkonzerten bringt der Verein nicht nur Musik in die Stadt, sondern rückt auch Menschen in den Blick, deren Not im Alltag oft leise bleibt. Unterstützt werden Institutionen, die dort helfen, wo Hilfe dringend gebraucht wird. Im Gespräch mit dem INNSIDE-Magazin spricht Braitinger über das geplante Konzert im Rathausinnenhof, die schwierige Auswahl der Spendenempfängerinnen und -empfänger – und darüber, warum faire Bezahlung in Kunst und Kultur kein Nebenthema bleiben darf.
INNSIDE: Herr Braitinger, Sie sind seit über vier Jahren Vorstand des Vereins Rock hilft e.V. Was steckt hinter diesem Verein, und was haben Sie bisher gemacht?
Stefan Braitinger: Das ist im Grunde relativ einfach: Der Verein möchte helfen. Und das tut er, indem er Benefizkonzerte organisiert, die sich im Genre Rock und Rock-Pop bewegen. Über Sponsoren und, je nach Veranstaltung, über Spendenaktionen versuchen wir, Geldbeträge zu sammeln, die Menschen in Not zugutekommen.
Das ist der ganze Zweck dieses Vereins: Personen zu unterstützen, die in Not geraten sind, oder Institutionen zu fördern, die sich um Menschen in Not kümmern. In diesem Sinne sind wir ein karitativer Verein, der in den vergangenen vier Jahren schon viele Konzerte veranstaltet hat – vor allem in Passau, aber auch in unserer strategischen Bündnisstadt Ulm.
Wir blicken also auf eine langjährige und erfolgreiche Zusammenarbeit innerhalb des Vereins zurück, aber auch mit lokalen Veranstaltern. Besonders positiv erwähnen möchte ich hier den Zauberberg, das Café Museum und natürlich auch die Stadt Passau, die uns immer wieder den Rathausinnenhof zur Verfügung stellt. Wir waren aber auch schon in anderen Locations und freuen uns immer wieder über ein Publikum, das uns seit Jahren unterstützt, zu unseren Konzerten kommt und unsere Idee mitträgt.
Insofern kann man durchaus von einer Erfolgsgeschichte sprechen. Wenn man alle Spenden über die Jahre zusammenrechnet, konnten wir bereits rund 40.000 Euro sammeln. Für eine Art „Two-Man-Show“ – also für die beiden Vorstände, die aktiv an dem Projekt arbeiten – ist das eine durchaus beträchtliche Summe.
Unterstützt haben wir bisher unter anderem mehrfach das Frauenhaus Passau, aber auch die Seniorenhilfe und Initiativen für Frieden und Demokratie. Das sind für uns alles Themen, die auf einem gesellschaftlichen Grundton aufbauen. Gerade in einer Zeit, in der es immer schwieriger wird, den Fokus auf marginalisierte Personengruppen zu lenken, die unter makroökonomischen oder gesellschaftspolitischen Veränderungen besonders leiden, ist uns das ein Anliegen. Da wollen wir den Scheinwerfer draufhalten – und gleichzeitig konkret helfen.
Auch in diesem Jahr organisieren Sie wieder Benefizveranstaltungen. Was genau ist geplant?
Am 9. August können wir – dank der Unterstützung von Paul Zauner, dem Café Museum und der Stadt Passau – wieder ein Konzert im Rathausinnenhof veranstalten. Wir sind sehr glücklich, dass Barbara Clear dort gemeinsam mit uns und der Band BRAITINGER auftreten wird.
In diesem Jahr sammeln wir für die Bahnhofsmission. Wir möchten einen Beitrag dazu leisten, dass die Menschen, die dort versorgt und unterstützt werden, etwas mehr Hilfe bekommen können, als es aktuell möglich ist.
Nach welchen Kriterien wählen Sie die Empfängerinnen und Empfänger aus, die von den Benefizkonzerten profitieren?
Das ist ein Thema, das im Vorstand intensiv diskutiert werden muss, weil der Bedarf an Hilfe natürlich riesig ist. Jede Auswahl bedeutet auch eine Einschränkung, und diese Entscheidung fällt uns nicht immer leicht.
Dieses Mal haben wir uns nach längerer interner Diskussion dazu entschieden, die Bahnhofsmission in den Fokus zu nehmen. Denn darüber hört man vergleichsweise wenig. Die Menschen, die dort versorgt werden, sind im Stadtbild oft gar nicht so sichtbar. Das kommt uns manchmal merkwürdig vor, weil wir wissen, dass diese Menschen da sind, dass sie Hilfe brauchen und dass sie versorgt werden müssen.
Offensichtlich sind sie aber über die Bahnhofsmission sehr konkret erreichbar. Deshalb haben wir uns diesmal das Ziel gesetzt, genau dort etwas zu unternehmen.
Sie sind nicht nur Aufsichtsrat des medizinischen Dienstleisters Radiolog, sondern gelten auch als ein bedeutender Förderer der Kultur in unserer Region. Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen für Kulturschaffende bei der Finanzierung ihrer Projekte?
Das ist ein Thema, das ich mit Gerd Jakobi schon einmal beim Noise & Arts Festival diskutieren durfte. Im Mittelpunkt steht im Kulturbetrieb immer stärker und dringlicher das Thema Fair Pay.
Wir haben sehr mächtige ökonomische Organisationen, die man unter dem Begriff ‚große Veranstalter‘ zusammenfassen kann. Sie geben Topstars Chancen und können über Eintrittspreise und große Venues entsprechend Geld einnehmen. Aber die kleinere Veranstaltungsszene und auch die Clubszene leiden sehr, weil dort schlicht das Geld fehlt.
Fair Pay bedeutet eben nicht nur, dass Künstlerinnen und Künstler überhaupt eine Auftrittsgelegenheit bekommen und irgendwie bezahlt werden. Es bedeutet auch, bei der Bewertung von Kunst – in diesem Fall von Musik – genauer hinzusehen. Hinter dieser Kunstform steckt eine Lebensleistung. Diese Menschen sind nicht nur im Moment des Auftritts sichtbar. Sie haben ihr Leben darauf ausgerichtet, hart trainiert, viele Umstände und Aufwände in Kauf genommen, um ihre Kunst und ihre Musik darbieten zu können.
Es ist eine Schande, dass es so wenige Venues gibt, die gerade Newcomern im Kulturbetrieb eine Chance geben, sich zu zeigen und mit dem Publikum in Austausch zu kommen. Das Thema Fair Pay gehört meiner Ansicht nach auch in der Kulturpolitik der Stadt stärker adressiert und weiter ausgebaut.
Ich bin sehr froh, dass mit Marlies Resch ein Veranstaltungsprofi im Kulturbetrieb aufschlägt, mit der vielleicht auch noch einmal eine andere Diskussion geführt werden kann.
Wie sollte sich die öffentliche Kulturförderung in unserer Region Ihrer Meinung nach künftig positionieren?
Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich ein extremer Kenner der Haushaltsmittel, der Verwaltung und der Mittelverwendung der Stadt Passau bin. Aber mir dämmert natürlich schon, dass man in dieser Stadt sehr großartige Kulturveranstaltungen auch öffentlich finanziert und sie als Aushängeschilder versteht – ich nenne hier zum Beispiel die Europäischen Wochen.
Gleichzeitig wäre es sehr gut, wenn öffentliche Fördermittel in Passau noch stärker unter dem Gesichtspunkt von Fair Pay eingesetzt würden. Das könnte bedeuten, verschiedene Veranstaltungsorte auszubauen, die Proberaumsituation in Passau zu verbessern und Veranstaltern kleinere Förderbeträge zur Verfügung zu stellen.
So könnten auch No-Names, Amateure und Nachwuchskünstlerinnen und -künstler Möglichkeiten bekommen, sich zu präsentieren. Eine Kulturszene wird ja gerade auch dadurch belebt, dass nicht nur das bereits Etablierte sichtbar ist, sondern auch Neues entstehen kann.
Mit Ihrer Band BRAITINGER, die seit Jahren eine tragende Säule der Benefizkonzerte ist, haben Sie gerade einen Relaunch vollzogen und unter anderem Ihre Tochter in die Band integriert. Wie fühlt es sich an, mit dem eigenen Nachwuchs auf der Bühne zu stehen?
Also erst einmal: Der Papa ist stolz wie Bolle und findet das super.
Aber es hat natürlich auch Implikationen, die damit zu tun haben, dass Musikmachen harte Arbeit ist. Wir kommen alle aus verschiedenen Regionen und müssen in dieser Überörtlichkeit Wege finden, an unseren Skills zu arbeiten. Meine Tochter zum Beispiel lebt in Hamburg, der Papa in Passau – das ist keine kurze Strecke.
Natürlich sind auch die Vorstellungen und Energien zwischen 25 und 70 Jahren höchst unterschiedlich. Das ist eine Herausforderung in einer Band mit acht Persönlichkeiten, von denen ein Teil bereits professionell Geld mit Musik verdient und davon lebt, während der andere Teil sehr begabt ist, aber in anderen Branchen arbeitet und dort zum Teil schon führende Rollen übernimmt.
Diesen Kochtopf an höchster Individualität so zusammenzubringen, dass daraus eine gemeinsame Stimme, ein gemeinsamer Ton und eine gemeinsame Energie entstehen – das ist schon etwas sehr Besonderes.
Natürlich stellen wir auch Ihnen noch einmal unsere INNSIDE-Flussfrage: Mit welchem unserer Flüsse können Sie sich am ehesten identifizieren – und warum?
Es ist und bleibt die Donau. Ich bin ein Kind der Donau: Ich wurde in Ulm geboren, habe in Regensburg studiert und habe jetzt in Passau meinen Lebensmittelpunkt – auch wenn ich während meiner Schulzeit in der ganzen Republik herumgekommen bin.
Aber mich verbindet mit der Donau auch ein tieferes Kulturverständnis von Herkunft und Geschichte. Entlang der Donau hat sich eine Donauzivilisation ausgebreitet. Das ist eine eigene große geschichtliche Epoche, die weit über Stammeszeiten hinausreicht und kulturstiftend für den gesamten europäischen Raum wesentlich und wirksam gewesen ist.
Insofern bin ich nicht nur ein Fan der Donau. Ich möchte auch, dass meine Asche einmal dort verstreut wird.
Fragen und Text: Gerd Jakobi und Viola Wiesbauer
Fotos: Sebastian Ambrosius